ALFRED ZILTENER
Ein prachtvoller Bildband würdigt den grossen Theatermann Herbert Wernicke.
Basel war das Zentrum im Leben und Schaffen des Opernregisseurs Herbert Wernicke, der im April 2002 rasch und unerwartet hier gestorben ist. Geboren 1946 im Markgräflerland, gastierte er 1976 erstmals am hiesigen Stadttheater, als Ausstatter von Monteverdis ‹Poppea›. In den Achtzigern folgten seine ersten Basler Regiearbeiten, Mozarts ‹Entführung aus dem Serail› und Verdis ‹Simon Boccanegra›. Frank Baumbauer holte ihn 1988 definitiv ans Haus, und Wernicke blieb dem Theater treu, auch in künstlerisch dürftigen Zeiten. 1990 zog er ans Rheinknie, und in seinem Atelier am Nadelberg entstanden Inszenierungskonzepte, die bei den Salzburger Festspielen, in den Opern von Paris, Wien, München und Brüssel realisiert wurden. Nun würdigt ein üppiger Erinnerungsband die Kunst dieses vielseitigen Theatermagiers.
Wernicke, der stets sein eigener Ausstatter war, habe keinen rasch erkennbaren Stil gepflegt, sondern eine reichhaltige Welt geschaffen, hält Bernard Foccroulle, der frühere Intendant der Brüsseler Oper, in einem der Begleittexte fest. Diese Welt wird uns in zahlreichen Fotos noch einmal vor Augen geführt, ein Universum hoch ästhetischer, oft überraschender szenischer Bilder, die nicht einfach die Handlung eines Werks illustrieren, sondern dessen Essenz zeigen wollen.
Von Barockopern bis Operetten. Gerne erinnert man sich beim Blättern wieder an Wernickes Basler Geniestreiche, den weissen, von allegorischen Darstellungen, menschlichen Armen und bedrohlichen Orgelpfeifen zunehmend durchlöcherten Bühnenkasten in Händels ‹Theodora› etwa oder die Caspar David Friedrich nachgestellten Eisschollen aus Konzertflügeln für Kagels ‹Aus Deutschland›. Die Herausgebenden haben ihr Material nicht chronologisch geordnet, sondern den inhaltlichen Schwerpunkten in Wernickes Arbeit nachgespürt, so der Revitalisierung der Barockoper, der Darstellung von Macht und Machtmissbrauch, der Neuentdeckung der Operette. Ein Dutzend prominenter AutorInnen würdigt in kurzen Essays diese Aspekte und macht mit konzisen Beschreibungen der jeweiligen Inszenierungen die Bilder auch für jene lesbar, welche die Aufführungen nicht gesehen haben.
Dabei bleibt allerdings der Mensch Wernicke merkwürdig unfassbar. Natürlich geht uns sein Privatleben nichts an – seine Frau Desirée Meiser und die beiden gemeinsamen Kinder fassen sich in ihren Beiträgen denn auch sehr kurz. Doch wie hat der Künstler, über dessen Denken wir viel erfahren, konkret mit Menschen gearbeitet? Wie hat er geprobt? Nur in den Erinnerungen der Assistentin Eva- Mareike Uhlig ist etwas davon zu erahnen. Sie zeigt auch den warmherzigen Menschen – und den Gourmet Wernicke. Ausschnitte aus Probenprotokollen und Berichte von SängerInnen hätten die Lücke füllen können. Eine tabellarische Biografie und eine chronologische Liste sämtlicher Opernarbeiten Wernickes beschliessen den Band.
‹Herbert Wernicke. Regisseur Bühnenbildner Kostümbildner›. Hg. Christian Fluri, Iris Becher und Marianne Wackernagel, Verlag Schwabe, Basel, 2011. 258 S. mit 350 z.T. farb. Abb., Ln., Format 29,5 x 25,5 cm, CHF 119
Buchvernissage: So 27.2., 11 h, Foyer Theater Basel
(Heft März 2011, S. 15)




