DAGMAR BRUNNER
Die ‹Denkpausen› laden zu Entspannung und Kreativität ein.
Beim Lesen des Prospekts fühlt man sich gleich ertappt: ‹Brauchen Sie eine Pause? Zum Denken? Vom Denken?›, steht da. Und dann folgt die Einladung zu ‹philosophischen Abendgesprächen› unter dem Titel ‹Denkpausen in der Mitte›. Mit der Mitte ist sowohl die Wochenmitte wie das Unternehmen Mitte gemeint, wo diese Gesprächsreihe seit einem Jahr fast wöchentlich stattfindet, geleitet von Christian Graf.
Freimütig gibt der ausgebildete Pianist und Philosoph (geb. 1970 in Liestal) Auskunft über sich und sein Schaffen, das sich keineswegs im Wolkenkuckucksheim abspielt, sondern solide im Alltag verankert ist. Denn hauptberuflich leistet er Haus- und Erziehungsarbeit, während seine geistigen und künstlerischen Tätigkeiten (noch) eher ‹nebenher› laufen. Doch damit hat Graf keine Mühe, denn schon vor seiner Uni-Zeit in Basel hatte er die Schriften Heinrich Barths kennen und schätzen gelernt. Dieser Philosoph (1890–1965), ein Bruder des Theologen Karl Barth, hat Wege aufgezeigt, wie man zugleich wissenschaftlich, interdisziplinär, zeit- und lebensnah wirken kann. So kam Christian Graf das Philosophie-Studium allzu insiderhaft und elitär vor, und er brannte darauf, sein eigenes Berufsverständnis praktisch zu erproben.
Mittel zur Selbst-Besinnung. Die ‹Denkpausen› im Unternehmen Mitte sind eines seiner Übungs- und Wirkensfelder, und sie haben bereits ein Stammpublikum gefunden, zu dem sich je nach Thema Interessierte dazugesellen. Vorausgesetzt wird lediglich Freude am Nachdenken und Diskutieren; das Thema ist vorgegeben und oft durch Anregung der Teilnehmenden beeinflusst. Graf stellt einen Hauptgedanken oder verschiedene Szenarien zur Diskussion, zudem erhalten die Gäste eine schriftliche Skizze. Sodann widmet sich Graf vor allem der Gesprächsführung, und wenn das Gespräch harzt, fasst er zusammen, pointiert, klärt und fördert die Weiterführung. Ein breites Spektrum von Themen wurde schon behandelt: Glauben und Wissen, Kreativität, Freiheit, Tier und Mensch, Geist und Gehirn, die Seele, Treue, Toleranz, das Unbewusste, Erziehung, Wirklichkeit ... Das Bedürfnis, über solche Fragen zu sprechen und andern zuzuhören, ist nicht nur für das Publikum, sondern auch für den Philosophen eine Bereicherung.
Neben den ‹Denkpausen› bietet Graf philosophische Beratung in persönlichen Krisenzeiten an und unterrichtet Jugendliche und Erwachsene in Klavier, Musiktheorie und -geschichte. Ausserdem ist er am Aufbau des Philosophicum beteiligt, das ab September den Ackermannshof mit einem neuen Geist beleben wird. Auseinandersetzungen mit Fragen aus Wissenschaft, Kunst und Moral, mit Erkenntnis- und Lebensfragen der Gegenwart sollen dort in freier Weise möglich werden.
‹Denkpausen›: Mi 2.3., 20–22 h (‹Wahrheit und Leben›), und Mi 23.3., 20–22 h (‹Sprache und Welterzeugung›), Mitte, Séparé → S. 40. Kostenbeitrag CHF 30, www.christian-graf.ch
Ausserdem: Talk zum Thema ‹Philosophie als Lebenskunst›, mit Annemarie Pieper und Christian Zeugin: Mi 23.3., 20 h, Thalia Friedrich Nietzsche. Handschriften, Erstausgaben und Widmungsexemplare der Slg. Rosenthal-Levy aus Sils-Maria: Sa 26.3. bis Sa 28.5., Unibibliothek Basel, Publikation: Schwabe Verlag
(Heft März 2011, S. 17)




