Höhenluft am Rhein
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TILO RICHTER

 

Verdichtung nach oben – Basler Hochhausprojekte.
Nachdem die USA mit ihren Skyscrapers schon vor 1900 Massstäbe gesetzt hatte, zog Europa in den Zwischenkriegsjahren nach. Auch die Geschichte der Hochhausarchitektur in Basel reicht so weit zurück. Der von Hans Bernoulli entworfene Silobau an der Hafenstrasse aus dem Jahr 1926 ist zwar streng genommen kein Haus, sondern eine technische Anlage. Mit seinen 50 Metern Höhe gilt das Silo dennoch als erster Hochbau der Stadt. 1929 folgt ein weniger hohes, dafür im urbanen Umfeld errichtetes  Gebäude: das Turmhaus der Basler Lebensversicherungsgesellschaft am Aeschenplatz, entworfen von den Architekten Ernst Benedikt Vischer und Paul Vischer. Seine etwas mehr als 40 Meter Höhe nehmen sich bescheiden aus, gleichwohl entzündete sich an diesem Bau die erste Hochhausdebatte der Stadt, die bis heute bei jedem Vertikalbauprojekt zuverlässig von neuem beginnt. Dabei wird man am Hochhaus in Zukunft kaum vorbeikommen – eingedenk  der Tatsache, dass in zehn Jahren vermutlich gegen neun Millionen Menschen in der Schweiz wohnen werden und die Pro-Kopf-Wohnfläche stetig zunimmt.

 

Das ewige Für und Wider – Hochhäuser und ihr Kontext.Für fortwährende Diskussionen sorgt in vielen Fällen das Verhältnis von Hochhaus und städtebaulichem Kontext. Die Sorge um das historisch gewachsene Stadtbild steht dem Gestaltungswillen und ebenso wirtschaftlichen Überlegungen der eigenen Zeit gegenüber. Meist stösst man sich weniger an den Bauten selbst, oft aber wird die Wahl des Standorts kritisiert. Eines der letzten Beispiele hierfür sind die Differenzen um das Hochhaus an der Markthalle, das im Rohbau beinahe fertig gestellt ist: 2005 entschied sich der Grosse Rat gegen die Empfehlung der eigenen Bau- und Raumplanungskommission für einen markanten Neubau neben der berühmten Kuppelhalle. Ein ‹Wolkenkratzer› entsteht hier nicht, die 14 Etagen für Wohnungen – Entwurf Diener & Diener Architekten, Basel – sind im heutigen Stadtbild keine echte Landmarke mehr.
Anders war das in den Nachkriegsjahren: Die drei 13-geschossigen Wohntürme zwischen Flughafenstrasse und Bahntrassee nach Frankreich, 1950/51 nach Plänen von  Arnold Gfeller und Hans Mähly errichtet, sind etwa gleich hoch, mussten aber in Basel Spott über sich ergehen lassen. Heute wirken sie bis ins Detail überzeugender denn je. Und es folgten in kurzen Abständen vergleichbare Projekte:  1955 konnte das Heuwaage-Hochhaus bezogen werden;  Architekt war auch hier Arnold Gfeller. Industrie und Dienstleister setzten ihre Expansion in die Höhe ebenfalls fort: Roland Rohn entwarf das mit 72 Metern bis heute höchste Gebäude der Roche, den Bau 52, der 1961 übergeben wurde. Ein Jahr darauf folgte der markante Lonza-Turm von Suter + Suter Architekten, der es bis auf 68 Meter schaffte und sein berühmtes Vorbild nicht verleugnet, den Mailänder Torre Pirelli von 1958.
Der Büroturm der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, übergeben im Jahr 1976 und 70 Meter hoch, war ein Projekt der Basler Architekten Burckhardt + Partner. Gerade dieser zeittypische Bau kann als Beispiel dafür  herangezogen werden, in welchem Umkreis ein Hochhaus die Stadtsilhouette beeinflusst. Von einem der tiefsten Punkte der Stadt, dem Grossbasler Fährsteg der Ueli-Fähre, sieht man noch das obere Drittel des Bankenturms. Im  Gegensatz dazu hat sich der 71 Meter hohe Turmbau am  St. Jakob-Stadion nahezu perfekt versteckt. Der Solitär  von Herzog & de Meuron aus dem Jahr 2008 wirkt aus den meisten Blickwinkeln nur wie die abgetrennte Spitze eines Hochhauses.
Den Staffelstab des höchsten Gebäudes der Schweiz wird der mit 31 Stockwerken auf 105 Metern aufsteigende Basler Messeturm bald an den 21 Meter höheren Zürcher Prime Tower abgeben. Immerhin überragt der Glaskubus der  Architektengemeinschaft Morger & Degelo und Daniele Marques von 2003 bis jetzt alle anderen helvetischen  Wolkenkratzer.

 

Hochfliegende Pläne – Basels ‹Skyline› im Wandel. Basel weist (noch) keine expliziten Hochhauszonen aus, wie es zum Beispiel Zürich für seinen Westen oder für das Letzi-Gebiet tut. Am Rhein gibt es immerhin einen Plan mit geeigneten und potenziell geeigneten Standorten für solche Landmarken. Und zwei alte Basler Hochhaus-Konkurrenten werden auch künftig im Wettstreit bleiben. Roche und Novartis planen parallel ganz unterschiedliche Neubauten: Als (vorläufiger) Spitzenreiter fungiert der von Herzog & de Meuron entworfene ‹Bau 1› der F. Hoffmann-La Roche Ltd., der nach verschiedenen Metamorphosen auf dem virtuellen Reissbrett nun seine endgültige Keilform bekommen hat. Knapp 180 Meter werden hier bis 2015 angepeilt; Roche selbst spricht von «stadtbildverträglicher» Architektur, die auf dem engen Gelände nur in die Höhe wachsen kann.
Novartis ist in der vergleichsweise luxuriösen Lage, mit dem Campus etwas mehr Fläche für Neubauten zur Verfügung zu haben. Freilich wird der Generalplan von Vittorio Magnago Lampugnani punktuell aufgeweicht und es wird – entgegen der ursprünglichen Idee – doch einzelne im Wortsinn herausragende Bauten geben: zum einen dort, wo heute schon die älteren Hochbauten stehen, zum anderen entlang der eben freigeräumten Uferböschung zum Rhein. Eines von etlichen anderen Vorhaben ist der Wohn- und Geschäftshaus-Neubau des UBS-Immobilienfonds Sima im Kleinbasel, der am Riehenring bis auf etwa 90 Meter aufsteigen soll. Hier sind die Basler Architekten Meinrad  Morger und Fortunat Dettli derzeit mit einem Vorprojekt beschäftigt, dessen Umsetzung allerdings noch offen ist.
Unbestritten ist, dass die 37 Quadratkilometer des Stadtkantons die Expansion in der Fläche streng limitieren und dass gerade für Geschäftshäuser, zunehmend aber auch für Wohnbauten der Trend klar gen Himmel zeigt. Zu wünschen ist, dass dabei städtebaulich wie architektonisch markante Gebäude entstehen, die neben den bekannten  alten zu neuen Identifikationspunkten werden.

 

(Heft März 2011, S. 26)