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ADRIAN PORTMANN

 

Grausame Lotterie.
Erschreckend. Verstörend. Unheimlich: So eine Geschichte ist das. Dabei beginnt es ganz idyllisch: Eine Kleinstadt, ein Dorf eher, in dem sich alle kennen. An einem sonnigen Juni-Morgen trifft sich die Bevölkerung auf dem Dorfplatz zur jährlichen Lotterie. Alle scheinen gut gelaunt, und während Mr. Summers, der die Lotterie leitet, die letzten Vorbereitungen trifft, wird geplaudert und geneckt. Schliesslich beginnt das Ritual: Alle Namen werden aufgerufen, und jedes Familienoberhaupt zieht ein Los aus einer altertümlichen Kiste.
Das grosse Los ziehen die Hutchinsons, die nun in einer zweiten Ziehung unter sich den Gewinner ermitteln. Es trifft Tessie, die Mutter. Aber ist es wirklich das grosse Los? Immerhin protestiert Tessie, die ganze Sache sei nicht fair abgelaufen, das hätten alle gesehen. Aber es nützt nichts, Tessie hat das Los mit dem schwarzen Punkt, und dabei bleibt es. Bringen wir es hinter uns, meint Mr. Summers, schliesslich will man zum Mittagessen nach Hause. Also nehmen alle BewohnerInnen die bereit liegenden Steine, auch die Alten und die Kinder, sogar dem kleinen Davy Hutchinson drückt man einige in die  Hand. Und dann steinigen sie Tessie.
Das ist ziemlich heftig. Und die Ungeheuerlichkeit wird dadurch gesteigert, dass das Geschehen ins friedliche Dorfleben eingebettet ist. Es ist kein einmaliger Massentaumel, dem man hier lesend beiwohnt, kein erregter Mob, der ausser Rand und Band gerät. Nein, hier geht alles seinen gewohnten Gang, die Leute grüssen sich freundlich – und einmal im Jahr schreiten sie zum Ritualmord. Wieso sie das tun, weiss niemand so richtig. Es genügt, dass das schon immer so gemacht wurde, und wer will schon mit lieb gewordenen Traditionen brechen? Jemand bemerkt zwar, dass man die Lotterie an einigen Orten aufgegeben habe, aber der alte Warner meint nur, die Jungen seien heute mit nichts  zufrieden.
Wenn das nicht erschreckend ist. Ein paar wenige Seiten nur, aber das reicht mir, um in Abgründe zu sehen. Nicht alle wollten die Abgründe  sehen: Als Shirley Jackson die Geschichte 1948 im New Yorker publizierte, gab es empörte Proteste und mehr Abo-Kündigungen als je zuvor. Düstere Zeiten.

 

Shirley Jackson: ‹The Lottery, or the Adventures of James Harris›, New York, 1949

 

‹Backlist› stellt besondere Bücher aus allen Zeiten vor.

 

(Heft April 2011, S. 18)