PETER BURRI
Anselm Kiefer-Schau im Elsass.
Diese Ausstellung ist eine Wucht. Nicht nur, weil einen im ersten Saal gleich ‹Jason› empfängt, eine Jagdflugzeug-Attrappe, die mulmige Gefühle auslöst. Sondern vor allem, weil die monumentalen Bildwerke des 1945 geborenen Erinnerungsdynamikers Anselm Kiefer in diesen Räumen ideal zur Geltung kommen. Schon vor dem Gebäude setzt die Skulptur ‹Bibliothek (mit Meteoriten)› einen Akzent: aufeinander geschichtete ‹verbrannte› Bücher aus Blei. Wenn Kiefer sie mit kosmischen Geschossen kombiniert, so nimmt er auch hier Zuflucht zu überirdischen Kräften (in anderen Werken sind es Engel), um das ungeheure Gewaltpotenzial im schöpferischen Wesen Mensch zu versinnbildlichen. Um anzumahnen, dass auf den Menschen zurückschlägt, was er anrichtet.
Gerade auch tümelnde Literatur bahnte der Nazi-Ideologie den Weg. Zum Werk ‹Urlandschaft› zitiert Kiefer das gleichnamige Gedicht von Stefan George, das mit den Zeilen endet: ‹Erzvater grub erzmutter molk / Das schicksal nährend für ein ganzes volk›. Der riesige Bildkasten zeigt den deutschen Wald, nicht nur bei George ein Topos, als Trümmerlandschaft.
Tabu- und Reizthemen. Auf andern Bildern zieht uns der Künstler mit Ackerlandschaften in Bann, vor denen z.B. ein mit Ästen beladenes, verbeultes U-Boot montiert ist (‹Das letzte Fuder›, 2007) – oder abgewrackte Gartenstühle: geräumte Tribünenplätze vor einer verwinterten Welt. Im fünf Meter breiten Gemälde ‹Le dormeur du val› (2010, nach dem Gedicht von Rimbaud) wird der Acker zum anonymen Massengrab, gerötet von Blut, aber auch von Mohnblumen. Einen wichtigen Teil der Ausstellung machen Kiefers frühe ‹Heroische Sinnbilder› aus, auf denen er sich in Hitlergruss-Positur porträtiert. Das Wesentliche könne man nur erfassen, wenn man es körperlich angehe, erklärt er.
Reinhold Würth, Gründer der weltweit tätigen Würth-Gruppe, die mit Montage- und Befestigungsmaterial handelt, sammelt schwerpunktmässig Werke Kiefers. Museen und Kunstforen betreibt der Unternehmer und Mäzen nicht nur in Baden-Württemberg, wo der Konzern seinen Sitz hat, sondern in mehreren europäischen Ländern, so auch in der Schweiz, in Arlesheim: Da zeigt das Forum Würth gegenwärtig den bayerischen, heute im Elsass lebenden Maler Lambert Maria Wintersberger. Das Musée Würth France errichtete der Sammler 2008 auf seinem Firmengelände in Erstein, zwischen Sélestat und Strassburg. Wie er da nun, bereichert um Leihgaben, ‹seinen› Kiefer zeigt, hat Stil – und Kiefer geht einem in diesem Überblick erst recht (wieder) unter die Haut.
Ausstellung Anselm Kiefer: bis 25.9., Musée Würth France, F-Erstein, www.musee-wurth.fr
Bücher zu Anselm Kiefer: Edition Heiner Bastian bei www.schirmer-mosel.com
Ausstellung Lambert Maria Wintersberger, ‹Mythen›: Fr 8.4. bis So 6.11., Forum Würth, Arlesheim, www.forum-wuerth.ch
(Heft April 2011, S. 22)




