DAGMAR BRUNNER
In Frenkendorf gedeiht kunstsinniger Wildwuchs, der sich nun vielfältig in der Stadt präsentiert.
In dieser kreativen Umgebung würde man am liebsten gleich selber Hand anlegen, sei es beim Töpfern, Malen, Siebdrucken, Gipsen, Schweissen, Schmieden, Fotografieren oder Holz bearbeiten. Denn all das und noch manches mehr ist hier möglich, in dieser ehemaligen Lagerstätte für Walser-Wasser am Rande von Liestal, in der sich heute auf zwei Ebenen die Kunstwerkstatt Artsoph ausbreitet. In der Nachbarschaft Industriebauten, hinterm Haus die baumgesäumte Ergolz und in der Werkstatt sogar ein Bistro, das mittags auch von Gästen der umliegenden Betriebe aufgesucht wird. Auch vor dem Gebäude kann man gemütlich verweilen, umringt von skurrilen Gegenständen, einem sympathischen Chaos aus Handwerk, Technik und Kunst.
Raum für das Eigene. Artsoph ist verknüpft mit dem nahe gelegenen Sophie Blocher-Haus, das sich seit 18 Jahren – zuerst in Birsfelden im Haus zur Eiche, seit 2003 in Frenkendorf – um Menschen kümmert, die psychisch beeinträchtigt, suchtkrank, obdachlos oder sonstwie gefährdet sind. Gegründet hat es eine couragierte ehemalige Mitarbeiterin der Basler Mission, die spätere Theologin Sophie Blocher, die 2002 starb. Heute zählt die Einrichtung rund 70 Betreute, die in Frenkendorf in zwei Häusern sowie extern wohnen und von über 40 Fachleuten aus verschiedenen sozialen Berufen begleitet werden. Die Kunstwerkstatt, die täglich 20 bis 30 wechselnde Gäste hat, spielt dabei eine wichtige Rolle. Sie bietet den Menschen Schutz, Aufgaben, Anerkennung, Sinn, Tagesstruktur. Doch alles beruht hier auf Freiwilligkeit, niemand ist zu einer Arbeit verpflichtet, und es muss nichts ‹Nützliches› dabei herauskommen. Vielmehr soll Raum sein, um das Eigene zu entdecken und pflegen.
«Beschäftigung mit Kunst» laute der Auftrag, sagt Hansruedi Bitterlin, der den Betrieb, unterstützt von zwei Mitarbeitenden und zwei PraktikantInnen, seit Mitte 2005 leitet und die Werkstatt mit den Nutzenden zusammen aufgebaut hat. Der Baselbieter mit Berufserfahrungen in Hochbau, Töpfern und Sozialarbeit hat ein grosses Herz für alles Menschliche und Kreative. Sein Credo ist der Dialog auf Augenhöhe und sein Ziel die breite Vernetzung. Zu den sukzessive ausgebauten Aktivitäten gehören u.a. Auftragsarbeiten, z.B. für Bühnenbilder, sowie Besuche von Kulturhäusern und -anlässen, aber wichtig ist Bitterlin auch, dass die Kunstwerkstatt von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Die bisher drei Ausstellungen waren jedenfalls erfolgreich, und 2009 nahm Artsoph erstmals mit einem Filmprojekt am Festival Wildwuchs (siehe S. 16) teil.
Skulpturen, Gespräche, Klangbilder. Heuer präsentiert sich der Betrieb an Wildwuchs gleich mit drei Projekten, an denen die Beteiligten monatelang gemeinsam und individuell gefeilt haben. Eines davon heisst ‹Würfelwege› und besteht aus rund 80 Würfeln, die auf dem Kasernenareal eine Skulptur mit Lichteffekten bilden. Die Würfel sind alle gleich gross, aus weiss bemalten Holzlatten hergestellt und mit den Initialen der/des Gestaltenden versehen. Sie symbolisieren die Kunstwerkstatt: ein soziales Konstrukt aus Einzelteilen. Der Transport der Objekte vom Baselbiet ins Kleinbasel geschieht auf unterschiedliche Weise: zu Fuss, auf dem Wasser, per Velo etc. und wird gefilmt; am Festival ist dann auch der Film zu sehen.
Ebenfalls eine Würfelform hat die ‹Artbox›, in der sich tagsüber eine kleine Galerie befindet, mit täglich wechselnden Bildern aus der eigenen Werkstatt, aber auch von andern, bekannten und namenlosen Kunstschaffenden. Die Werke können erworben werden und bilden abends die Kulisse für Gesprächsrunden mit Kunstverständigen, Gästen und Publikum zum Thema Kunst. Die Diskussionen werden moderiert und protokolliert, man kann sie auch ausserhalb des Pavillons mitverfolgen.
Das dritte Projekt ist ‹Sophie on Air›, eine grosse Klangskulptur, die mehrteilig aus verschiedensten Materialien erstellt wurde, darunter Orgelpfeifen, Klaviersaiten, Pneus und Räder. Mit der Dudelsack-Pumptechnik können Töne erzeugt werden. In drei Performances entlocken ‹Musik- Operateure› in speziellen Kostümen der Installation eigenwillige Klangbilder.
Es versteht sich von selbst, dass dieser aufwändige Grossauftritt in Basel nur im Zusammenwirken vieler (auch über die Kunstwerkstatt hinaus) entwickelt werden konnte. Für Hansruedi Bitterlin ein wichtiges Zeichen, weil Initiative und Wertschätzung das beste sind, was ‹solche und andere› im Hinblick auf Integration erleben können.
Sophie Blocher-Haus, Bahnweg 2 & 4, Frenkendorf www.sophieblocherhaus.ch
Kunstwerkstatt: Hammerstr. 45, Liestal, www.artsoph.ch Artsoph am Wildwuchs-Festival: www.wildwuchs.ch
Ausserdem: Neue öffentliche Stadtführung ‹Stolpersteine. Streifzug Behinderung›: So 1. und 8.5., 14 h, 29.5., 15 h, und folgende Monate, Treffpunkt: Tramstation Kaserne, ca. 2 Std. bei jedem Wetter, ohne Anmeldung. Infos: www.behindertenforum.ch/stolpersteine
(Heft Mai 2011, S. 17)




