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ADRIAN PORTMANN

 

5675 Seiten sinnliches Gotteslob.
Dieser Dichter schreibt über Kühe und Fliegen, über Rosen und Birnen. Über den gestirnten Himmel schreibt er und über die Wirkung der Sonne, über die Zähne und über das Fieber. Er ist ein genauer Beobachter, noch das kleinste Detail wird festgehalten: das Wiederkäuen, bei dem  die Kühe «mit halbem theils, theils ganz geschlossnen Augen / Den ausgedruckten Saft voll sanfter Wollust saugen», nicht weniger als die Haut des Pfirsichs: «Der Circkel-runde Leib, der überzogen scheinet / Mit einem zarten Sammt, der glatt und rauch zugleich». Die Natur, das ist für den Autor ein Buch, in dem er liest, und in dem er zugleich selber ein Buchstabe ist: «O unbegreiflichs Buch! O Wunder – A, B, C! / Worin, als Leser, ich, und auch als Letter, steh!»
Der Hamburger Ratsherr Barthold Hinrich Brockes hat seine Natur- und Lehrgedichte nicht nur hie und da und bei Gelegenheit verfasst, er war ein Wiederholungstäter: Sein Werk mit dem Titel ‹Irdisches Vergnügen in Gott›, erschienen zwischen 1721 und 1748, umfasst 5675 Seiten, es ist ein ganzer Kontinent, in dem ich mich immer mal wieder verliere – aber auch schnell wieder zurecht finde, da die Gedichte häufig nach  einem ähnlichen Muster gestrickt sind: Sie beginnen mit genauen, an der aktuellen Naturforschung geschulten Beschreibungen der Natur, erkennen staunend ihre sinnvolle Einrichtung und Schönheit und schreiten voran zum Lob  des Schöpfergottes, der dieses Buch der Natur verfasst hat. Als Anhänger der sogenannten  Physikotheologie bemühte sich Brockes um  einen vernünftigen, mit der Wissenschaft zu  vereinbarenden Glauben. Dass dieser den orthodoxen Glaubenshütern ziemlich suspekt war, hat Brockes wenig gekümmert. Als Sohn eines vermögenden Kaufmanns war er unabhängig, er richtete auf seinem Landgut eine grosse Gartenanlage ein, eine Art wiederhergestelltes Paradies, schaute den Bienen zu, empfing seine Freunde und schrieb Gedichte.
Den wiederholten Appell, Sinne und materielle Güter vernünftig zu gebrauchen, zu geniessen und genau dadurch den Schöpfer zu loben und «Gott, in unsrer Lust, zu ehren» – diesen Appell scheint Brockes selber beherzigt zu haben. Nach allem, was ich weiss, nicht zu seinem Nachteil.

 

Barthold Hinrich Brockes, ‹Irdisches Vergnügen in Gott›, Hamburg 1721 bis 1748

 

‹Backlist› stellt besondere Bücher aus allen Zeiten vor.

 

(Heft Mai 2011, S. 20)