DAGMAR BRUNNER
Das Maison 44 ehrt den Künstler Gottfried Honegger.
Dass auch das hohe Alter kein Hindernis sein muss, sich engagiert zu Gegenwartsthemen zu äussern, das beweist der Zürcher Künstler Gottfried Honegger (geb. 1917). Altwerden sei eine Katastrophe, sagt er zwar, doch was er diesem beschwerlichen Zustand abringt, ist beeindruckend. So forderte er Anfang Jahr etwa die Bevölkerung der Luzerner Gemeinde Flühli-Sörenberg auf, die traditionelle Volkskunst wieder zu beleben und beteiligt sich aktiv an den Bemühungen darum. Denn Honegger ist überzeugt davon, dass jeder Mensch kreativ ist und Kunst und Schönheit zum Leben braucht. Unmissverständlich geisselt er (u.a. in einer Sammlung Aphorismen) alles, was dem im Wege steht oder sonstwie schädlich ist: eine rücksichtslose Wirtschaft, eine unsinnliche Technik, Konsumwahn und Leistungsgesellschaft, Profit- und Sicherheitsdenken, den aufgeblähten Kunstmarkt, die Supermarkt-Kultur – kurz: Materialismus und Visionslosigkeit.
Dieser bis heute unbeugsame Geist wurde in der Schweiz lange klein gehalten; erst mit 70 erhielt Honegger den Kunstpreis der Stadt Zürich, und die Ausstellungen hierzulande kann man an einer Hand abzählen. 2004 gastierte er im Museum Tinguely – und nun ist er erneut in Basel zu sehen. Für das kleine Maison 44 ist es eine besondere Ehre, diesem bedeutenden Vertreter der konstruktiv-konkreten Kunst Raum bieten zu können, und Leiterin Ute Stoecklin hat deshalb keine Mühe gescheut, auch noch ein attraktives Begleitprogramm auf die Beine zu stellen. Gezeigt werden in den fünf Räumen der Jugendstilvilla auf drei Etagen frühe Arbeiten sowie neue Werke, die man auch erwerben kann. Es handelt sich einerseits um ungegenständliche Grafik und Malerei, anderseits um Skulpturen und Wandreliefs, die in Zusammenarbeit mit der Hilti Art Foundation, Schaan, ausgesucht wurden.
Weltgewandter Querdenker. Eine Ausstellung mit Gottfried Honegger passt gut in diese Saison, in der auf allen Kanälen Max Frischs gedacht wird, mit dem Honegger über 50 Jahre eng befreundet war. Wie dieser wurde er oft als Nestbeschmutzer, Kommunist oder Gutmensch abgetan und erst anerkannt, als er im Ausland erfolgreich war. Nach einer prägenden Kindheit im bündnerisch-bäuerlichen Sent und einem Grafik-Lehrjahr in Zürich, arbeitete Honegger zunächst als Werbegrafiker (u.a. mit seiner ersten Frau, der Illustratorin Warja Lavater), ging dann 1939 nach Paris, um zu malen und befasste sich u.a. mit dem Kubismus.
Kriegsbedingt kehrte er nach Zürich zurück und wurde 1948 von Johannes Itten an die Kunstgewerbeschule berufen. Er lernte die Zürcher Konkreten um Max Bill, Richard Paul Lohse und Camille Graeser kennen, ohne ihrer Gruppe je anzugehören. Zehn Jahre später zog er nach New York, wo er 1959 seine erste Ausstellung hatte und u.a. mit Mark Rothko und Sam Francis verkehrte. Er entschloss sich endgültig für das freie Künstlertum und lebte ab 1960 in Paris, später in Cannes und seit 2005 wieder in Zürich. 1969 übernahm er eine Gastprofessur an der Universität Dallas in Texas, 1975 vertrat er Frankreich auf der Biennale von Sao Paolo.
1990 gründete er in einem Dorf an der Côte d’Azur den L’espace de l’Art Concret mit einem Kinderatelier, und nach Schenkung seiner Werke wurde dort 2004 ein Museum errichtet. Vom französischen Staat wurde er mit höchsten Auszeichnungen geehrt. Er hat zwei Töchter und ist mit Sybil Albers-Barrier liiert.
Ganzheitliche Sicht. Gottfried Honeggers Anspruch ist es, als Künstler gesellschaftlich relevant zu wirken, aber er ist ein Fragender geblieben und hat sich stets gegen Vereinnahmungen verwahrt. Die Strenge der Geometrie kombiniert er mit Lebensgesetzen wie Zufall und Ungenauigkeit, was ihn von andern Konkreten unterscheidet und seinen Werken etwas Leichtes, Spielerisches gibt. Von ‹Bildern› im klassischen Sinne hat er sich schon früh verabschiedet, vielmehr sind seine ungerahmten Wandreliefs aus Metall Versuche, die Kunst mit der Raumarchitektur zu verbinden. Offene, transparente, freie Formen, die sich zu einem Gesamtkunstwerk verdichten: diese ganzheitliche Sicht ist dem Künstler wichtig, der vermitteln will, dass die Poesie siegen wird und das Leben ein Wunder ist.
Das Rahmenprogramm zur Ausstellung im Maison 44 wird von z.T. namhaften Kunstschaffenden bestritten, u.a. steuert der Komponist Daniel Weissberg im Auftrag des Hauses eine musikalische ‹Hommage à G.H.› bei und der Schriftsteller Klaus Merz liest eigene Texte, zudem sind ein weiteres Konzert und eine Performance zu erleben.
‹Hommage à Gottfried Honegger›. 50 Jahre Malerei, Skulptur und Grafik: So 8.5., 11 h Vernissage (in Anwesenheit des Künstlers), bis Sa 11.6., Maison 44 → S. 33
Ausserdem: Ausstellung ‹ordnen›. Konstruktive Arbeiten auf Papier und Objekte. Mit Werken aus der Sammlung Liliane Beck: Fr 29.4., 18 h (Vernissage), bis Sa 28.5., Galerie Graf & Schelble, Spalenvorstadt 14 (u.a. mit Werken von Gottfried Honegger)
Lesung, Musik und Gespräch zum 100. Geburtstag von Max Frisch: Mi 18. und Do 19.5., 19 h, Literaturhaus Basel (s. Agenda)
25 Jahre Haus Konstruktiv, Zürich, www.hauskonstruktiv.ch
(Heft Mai 2011, S. 23)




