Mit Sinn und Sinnlichkeit gefüllt
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ALFRED SCHLIENGER

 

Die grandiose Yusuf-Trilogie gibt’s jetzt auf DVD.
Ende letzten Jahres war ‹Bal› (‹Honig›), der ungemein bildmächtige Berlinale-Sieger aus der Türkei, bei uns im Kino zu sehen (s. ProgrammZeitung 11/2010). Die beiden Vorläufer in dieser Trilogie von Semih Kaplanoglu, ‹Yumurta› (‹Ei›) und ‹Süt› (‹Milch›), kamen leider nicht in die Kinosäle. Jetzt hat der Trigon-Filmverleih alle drei Filme in einer schön gestalteten DVD-Box zugänglich gemacht.
Semih Kaplanoglu erzählt Yusufs Geschichte rückwärts. In ‹Yumurta› lebt der 40-Jährige als Antiquar in Istanbul. Als seine Mutter stirbt, kehrt er zurück ins Dorf seiner Kindheit. Der zweite Film, ‹Süt›, zeigt Yusuf als 20-Jährigen, der Gedichte schreibt und Schriftsteller werden will. Mit dem Verkauf von Milch hält er sich und die Mutter über Wasser. In ‹Bal› ist Yusuf der scheue 6-Jährige, der eben eingeschult wird und mit seinem Vater, dem Bienenzüchter, die Wunder der Natur entdeckt – bis der Vater bei einem Sturz vom  hohen Baum tödlich verunfallt. In dieser Kindheit sind die Wurzeln der Sinnlichkeit zu entdecken, die Yusuf später zum Dichter machen.
Jeder der drei Filme bietet eine in sich geschlossene Erzählung und kann auch unabhängig von den anderen Teilen angeschaut werden. Und doch sind sie über die Yusuf-Figur hinaus motivisch vielfach miteinander verwoben. Im Booklet erklärt der Regisseur: «Wahrscheinlich begann ich mit ‹Yumurta›, weil ich langsam Yusufs Charakter enthüllen und auf seinen Kern stossen wollte. Man könnte die Trilogie als ausgiebige Rückblende ansehen. Ich wurde oft gefragt, ob die drei Yusuf-Figuren in den Filmen wirklich ein und derselbe Mann sind. Das möchte ich nicht beantworten, um nicht alle Geheimnisse des Charakters preiszugeben und die direkte und indirekte Beziehung zwischen den Filmen, die Rätsel um die Filme bestehen zu lassen.»

 

Spiritueller Realismus. Ei, Milch, Honig, das sind die Grundelemente eines Frühstücks, wie sie Kaplanoglu in seiner Kindheit als glücklichste Momente in der Wärme der Küche erlebt hat. In allen Filmen kommen solche Frühstücksszenen vor. Im Bonus-Interview auf der DVD erläutert er die symbolische Aufladung, die diese Grundnahrungsmittel für ihn haben. Das Ei trägt die Zukunft in sich, die Milch stellt die Beziehung zur Mutter(brust) dar und ist auch in vieles verwandelbar, wie Käse oder Joghurt, der Honig ist «die Seele des Waldes, der Kern von allem».
Das Besondere an Kaplanoglus Filmen ist, dass ihre starke Symbolik völlig unangestrengt und selbstverständlich wirkt. Da ist kein mystisches Geraune, sondern ein schlanker, sinnlicher Wirklichkeitsblick, «spiritueller Realismus», wie der Regisseur seinen Stil selber nennt. Alle drei Filme sind überaus sorgsam gestaltet, jeder ist ein Gedicht in Bildern. Die Kamera tastet liebevoll die Umgebung ab, erzeugt Bilder von einer unglaublichen Tiefenwirkung, sowohl räumlich wie emotional. Die radikal langen Einstellungen sind so mit Sinnlichkeit und Sinn gefüllt, dass sie förmlich vibrieren. So staunend wie dieser Yusuf in allen Altersphasen die Welt beobachtet und in sich aufsaugt, so sitzen wir vor diesen kleinen filmischen Wunderwerken. Ganz selten nur ist man ein so freier und teilhabender Zuschauer, eine so ungezwungen bezwungene Mitschauerin.

 

Yusuf-Trilogie: ‹Yumurta – Süt – Bal› von Semih Kaplanoglu, DVD-Box,  Trigon-Film 2011, CHF 59

 

(Heft Juni 2011, S. 8)