Wenn die Stadt zur Bühne wird
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INGO STARZ

 

Der Performancemarathon ‹Zap!› bietet facettenreiches Stadt-Theater.
Das Theater unserer Zeit ist nicht nur eines, das eine Vielfalt an Formen und Kulturen pflegt. Es ist auch ein Ort, an dem das Publikum und seine Rolle im Aufführungsprozess zum Gegenstand künstlerischer Befragung werden. Die moralische Anstalt ist in den Hintergrund getreten und hat einem Diskursraum Platz gemacht, der interdisziplinär  seine Stoffe dem Leben abschaut.
Stadttheater, Häuser für freie Gruppen und Publikum  redefinieren momentan das Verhältnis zwischen Theater und Stadt. Neue Wege führen nach drinnen und nach draussen: Laienchöre und Fachleute bevölkern die Bühnen, Theatermacherinnen und Schauspieler erkunden den Stadtraum. Die Theater werden zu Laboratorien künstlerischer Forschung: Gesellschaftliche Realität steht dabei auf dem Prüfstand.

 

Nomadisches Gegenwartstheater. Carena Schlewitt, die Direktorin der Kaserne Basel, wehrt sich im Gespräch gegen den oft vorgebrachten Vorwurf, dass Theater heute zu wenig politisch sei. Im Gegenwartstheater entdeckt sie im Gegenteil vielfältige Strategien zur Sensibilisierung des Publikums für drängende Fragen der Zeit. Dass ein solches Theater nomadisch und interdisziplinär sei, hält sie für eine adäquate Reaktion auf gesellschaftliche Realitäten. Es vermittle nicht mehr wie in den Sechziger- und Siebzigerjahren eine zielgerichtete, politische Bewegung, sondern verhandle die Welt mit neuen dokumentarischen Formen. Dabei kommt freien Gruppen, die ortsbezogene Performances entwickeln, eine wichtige Rolle zu.
Theater biete heute Möglichkeiten an, eine Stadt aus verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen, bemerkt Tobias Brenk, Dramaturg der Kaserne Basel. Diese Aussage bestätigt, dass sich das Haus unter Schlewitts Leitung kontinuierlich um einen Dialog zwischen Theater- und Stadtraum bemüht. Die Reihe ‹Mit Nachbarn› nahm 2008 die Kaserne und deren städtisches Umfeld in den Blick. Im Rahmen des Theaterfestivals ‹Spot› entwickelten Architekturbüros und Schulklassen 2010 den ‹Stadt.Plan.2020›, Visionen über Basel im Jahr 2020.

 

Stadtraum anders erfahren. Die Stadt solle zur Bühne werden, sagt Carena Schlewitt mit Blick auf die neue Ausgabe des Festivals ‹Zap!›. Tatsächlich werden drei Künstlergruppen Basel neu vermessen, mit ihren Performances Stadtraum gestalten und die Zuschauenden zu Komplizen machen. Unter dem Titel ‹Basel – Die unsichtbare Stadt› bringen drei Audiotouren von Eva Rottmann, Beatrice Fleischlin und Mathieu Bertholet zu Gehör, was sonst in der Stadt unsichtbar bleibt. Erlebter und erzählter Raum treffen aufeinander, wenn von Prostitution, Religion oder Verkehr die Rede ist. Die Gruppe Gob Squad zeigt ihre  Performance ‹Saving The World› auf einem belebten Platz. Auf der Leinwand lässt sich am Ende verfolgen, wie  PassantInnen auf die Spielanleitung reagieren und die Künstler Basel ein wenig ins Rampenlicht rücken. Auf die Suche nach Orten und Nischen der Stadt, die den Körper auslassen, macht sich die Tanztruppe Willi Dorner. Mit  ihrer Performance ‹Bodies in Urban Spaces› besetzen und erklimmen sie unentdeckten Lebensraum.
Mit diesen und zwei weiteren Performances vermisst das Festival Stadtraum und sorgt für künstlerische ‹Störfälle›, die aufmerksam machen wollen: Es gilt die Ordnung der Stadt im Spiegel der Kunst anders und neu zu erfahren. Der kaum merkliche Übergang von Realität und Fiktion, mit dem die Performances operieren, macht das Publikum zu Mitspielenden. Und löst im besten Fall ein Nachdenken über seine Stadt aus.

 

Performancemarathon ‹Zap!›: Do 9. bis Sa 18.6., Kaserne Basel → S. 36

 

Audiotouren durch Basel (Die unsichtbare Stadt): täglich, 15.30–20 h,  sowie Sa 25.6., 11–16 h, Kasse Kaserne (Reservation empfohlen)

 

‹Bonanza› (Berlin): Do 9. & Sa 11.6., 20 h, Rossstall 1  ‹To@ster› (Gob Squad): Mo 13.6., 18–20 h, Aussenbar Kaserne  ‹Saving The World› (Gob Squad): Di 14. & Mi 15.6., 20 h, Reithalle  ‹Bodies in Urban Spaces› (Cie. Willi Dorner): Mi 15. & Fr 17.6., 16 h,  Sa 18.6., 14 h, Startpunkt: Vorplatz Bahnhof St. Johann

 

(Heft Juni 2011, S. 19)