DOMINIQUE SPIRGI
Das Schauspiel am Theater Basel vor der Stabübergabe.
Brisantes haben beide Stücke zum Inhalt, und das Theater Basel bemüht sich denn auch redlich, aktuelle Bezüge zur politischen und gesellschaftlichen Aktualität zu schaffen – und doch sind die beiden ersten Theaterabende der Saison 2011/12 im Schauspielhaus ganz und gar unterschiedlich: Schauspieldirektor Elias Perrig präsentiert mit der Inszenierung von Dennis Kellys ‹Die Götter weinen› eine schwerfällige und -mütige Weltuntergangs-Tragödie, während der junge Regisseur Simon Solberg Ibsens ‹Volksfeind› als erfrischend poppige und zugleich beklemmende Politsatire über die Bühne fegen lässt.
Der Vergleich dieser zwei Inszenierungen ist mehr als nur eine Momentaufnahme: Elias Perrig wird Ende dieser Spielzeit als Basler Schauspieldirektor abtreten, während Simon Solberg die Sprechtheatersparte 2012/13 als Teil eines Leitungstriumvirats übernimmt.
Pragmatische Lösung. Die Frage, wer ab der kommenden Spielzeit die Opern- und die Schauspielsparte leiten wird, stand lange im Raum. Die bittere Niederlage in der Subventionsabstimmung im Baselbiet sorgte für eine weitere Verzögerung – namentlich soll sich einer der bereits designierten Nachfolgekandidaten wegen der unsicheren Finanzierungslage zurückgezogen haben. In der Zwischenzeit brachte eine Online-Petition von Theaterschaffenden den Namen von Sebastian Nübling als Wunschkandidat für die Schauspielleitung ins Spiel. Mitte August endlich lud das Theater Basel zur ‹Bekanntgabe der Spartenleitung des Schauspiels und der Oper in der Saison 2012/2013›.
Der ganz grosse Wurf war es nicht, was da bekanntgegeben wurde – zumindest nicht auf den ersten Blick. Denn die Planung der kurzfristigen Theaterzukunft ist von grosser finanzieller Unsicherheit geprägt. Die laufende Spielzeit konnte durch Sparmassnahmen und einen einmaligen ‹Strukturbeitrag› des Kantons Basel-Stadt in der Höhe von 1,5 Millionen Franken gesichert werden. Ob das Theater aber auch in den kommenden Jahren mit mehr Subventionen aus dem Stadtkanton rechnen kann, ist noch ungewiss. Die Basler Regierung möchte die Subventionen von 2012/13 bis 2014/15 um eine Million Franken pro Jahr erhöhen, was auch im Sinne der Bildungs- und Kulturkommission des Grossen Rates ist; das Parlament selbst hatte die Vorlage bis Mitte Oktober noch nicht behandelt.
Grosse Chance. Vor diesem Hintergrund war es denn auch nicht verwunderlich, dass das Theater nur eine Zwischenlösung präsentieren konnte. Das heisst, dass die Spartenleitungen vorerst für eine Saison aus den eigenen Reihen ‹neu› besetzt werden: Direktor Georges Delnon übernimmt die Oper; das soll Kontinuität garantieren. Und die Schauspielleitung geht an Chefdramaturg Martin Wigger. Dieser allerdings – und das ist die positive Überraschung – wird die Sparte zusammen mit zwei jungen, ambitionierten Regisseuren leiten: Simon Solberg und Tomas Schweigen. Solberg gehört bereits zum Regie-Team des Hauses, Schweigen, der mit seiner freien Truppe ‹far a day cage› u.a. bei Gastauftritten in der Kaserne Basel für höchst anregende Theatererlebnisse gesorgt hat, wird diese Spielzeit erstmals am Theater Basel inszenieren.
«Schnell, radikal, angriffig, politisch» soll das Basler Schauspiel werden, versprechen die designierten Spartenleiter. «Uns bietet sich die grosse Chance, herauszufinden und auszuprobieren, wie das Theater eine wichtige Rolle in der Gesellschaft zurückerobern kann», sagt Solberg. Das sagen zwar fast alle Theaterleute, aber bei diesen jungen Köpfen wirkt es glaubwürdiger als auch schon. Und mit seiner ‹Volksfeind›-Bearbeitung hat Solberg bereits einen kleinen Tatbeweis erbracht.
Ein Grund zur Hoffnung ist nicht zuletzt die Tatsache, dass die beiden Theatermacher nicht viel zu verlieren haben. Sofern man sie wirklich machen lässt und Direktor Delnon sowie Chefdramaturg Wigger, der als ‹Denker› die inhaltlichen Fäden zusammenhalten möchte, nicht plötzlich Angst vor ihrem Mut bekommen.
(Heft November 2011, S. 15)




