ALFRED SCHLIENGER
Miranda July bringt ihren zweiten Film ‹The Future› – und fragt, ob Mittdreissiger eine haben.
Ihr Debüt vor sechs Jahren war eine höchst skurrile Wundertüte der Imagination und Herzenswärme. Selten ist man aus einem Film so leicht, vergnügt und produktiv verwirrt herausgekommen wie bei ihrem Erstling ‹You and me and everyone we know›. Bei Miranda July geht es stets um Beziehungen der eher prekären Art, das Gelände ist voll von Stolpersteinen und Peinlichkeiten, aber die Filmautorin bringt es fertig, keine ihrer Figuren blosszustellen, auch wenn sie sich ganz schrecklich verheddern und blamieren. In Cannes fiel damals dem Film die Ehre zu, das Festival zu eröffnen, und prompt holte er sich auch die Caméra d’Or für das beste Debüt.
Standen in ihrem Erstling zwei Menschen im Zentrum, die sich auf irrwitzig umständliche Weise eben kennenlernen, so sind es in ihrem neuen Film ‹The Future› zwei Mittdreissiger, Sophie (Miranda July) und Jason (Hamish Linklater), die schon Jahre auf engstem Raum zusammenleben. Die Anfangsbilder zeigen das Paar hingestreckt auf dem Sofa, beide in ihren Laptop vertieft. Wenn da noch etwas knistert, dann sind es die Bildschirme. Was tun gegen die schreckliche Voraussehbarkeit des Lebens?
Vor ein paar Tagen haben sie eine verletzte Katze auf der Strasse gefunden und in die Tierklinik gebracht. In einem Alter, in dem andere Paare sich doch noch entschliessen, Kinder zu haben, entscheiden sich Sophie und Jason für das Abenteuer Katze: Sie wollen das verletzte Tier adoptieren. Da sie aber bis zu dessen endgültiger Heilung noch einen Monat warten müssen, werden die verbleibenden Tage zur letzten Frist ihrer Freiheit. Sie schmeissen ihre ungeliebten Jobs – sie ist Tanzlehrerin für kleine Kinder, er Computerdoktor für jedermann – und kappen Telefon und Internet. Davor laden sie aber schnell noch alle wichtigen Infoseiten runter, die man irgendeinmal gebrauchen könnte.Endlich frei!
Die Wunder im Banalen. Diese einleitende Katzenstory kann einem durchaus etwas gesucht vorkommen und mit der Zeit vielleicht sogar nerven, denn das wunde Tier (mit der kindlich verfremdeten Stimme von Miranda July) ist auch der eigentliche Erzähler der Geschichte. Es empfiehlt sich aber, grosszügig darüber hinwegzusehen, sonst verpasst man womöglich die übrigen Verstörungen dieses Films. Miranda July will keine realistischen Geschichten erzählen, sondern sie schafft surrealistische Bilder und Szenen, in denen ein höchst realer und sensibler Subtext mitschwingt. Es ist diese Spannung zwischen der tiefen Sehnsucht nach Beziehung und dem Urbedürfnis nach absoluter Freiheit, die ihre Figuren durchleben. Sie sind so widerständig wie zerbrechlich, sie suchen aufs Wunderlichste nach neuen Kommunikationsformen und sind immer in Gefahr, sich zu sehr auszusetzen, sich zu verlieren auf der Suche. Oder ist es letztlich doch ein Finden?
Übers Hören verliebt sich Sophie in einen älteren Mann. Der hat eine kleine Tochter, die sich im Garten selbst begraben will. Währenddessen spricht der Mond zu Jason. Ein T-Shirt krabbelt Sophie nach zu ihrem neuen Lover. Es sind Bilder einer inneren Bedürftigkeit, die sich der geradlinigen Dechiffrierung entziehen. Das Wunder bei Miranda July liegt darin, dass sie dem Banalen mirakulöse Züge abgewinnt. Ihre Menschen sind immer etwas neben den Schuhen, sie suchen das richtige Leben, sie ringen um Nähe – und ertragen sie kaum. Es ist das melancholische, leicht verschreckte Staunen, dass Miranda July als Sophie selbst in ihren Augen trägt.
Auch wenn nicht gleich bezwingend wie ihr Erstling, ist ‹The Future› rundum der Film eines künstlerischen Multitalents. Die 37-jährige Amerikanerin schrieb das Drehbuch, führte Regie und spielt die Hauptrolle. Als Schriftstellerin hat sie mit ihrem Erzählband ‹Zehn Wahrheiten› verblüfft. Und ihre Kunst wird im Guggenheim Museum, im MOMA und an der Biennale in Venedig gezeigt. Jedenfalls ein künstlerisches Universum mit Zukunft.
Der Film läuft ab Mitte Dezember in einem der Kultkinos → S. 51 Die Zeitschrift Du hat ihre November-Ausgabe Miranda July gewidmet. Miranda July: ‹Zehn Wahrheiten›, Diogenes 2009. 252 S., TB, CHF 15.90 Das neue Buch von Miranda July, ‹Es findet dich›, erscheint 2012 ebenfalls bei Diogenes.
(Heft Dezember 2011, S. 9)




