Ein verzweigter Kulturbaum
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MICHAEL BAAS

 

Das freie Theater Tempus fugit breitet sich erfolgreich aus und harrt weiterer Förderung.
Es ist wohl das spannendste und innovativste kulturelle Projekt des letzten Jahrzehnts im Kreis Lörrach – ein Modell, wie ästhetische, pädagogische und sozial-integrative Ambitionen auch in kleinstädtischen Milieus konstruktiv zu verbinden sind. Die Wurzeln des Tempus fugit reichen zurück in ein Schultheater-Projekt 1995; aus diesem Keim ist inzwischen ein verzweigter Kulturbaum gewachsen, dessen Äste unterschiedliche Aktionsräume abdecken. In dieser Saison sind allein 9 Theatergruppen aktiv – Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie als Spitze der Amateur- und Ausbildungsensembles der professionelle Zweig. Alles in allem ergibt das rund 150 Spielende in Lörrach, Weil oder Rheinfelden, die bis zu 100 Aufführungen pro Spielzeit realisieren.
Neben dem Schauspiel hat Tempus fugit mit der Theaterpädagogik einen weiteren Keim fruchtbar gemacht, arbeitet auf dem Terrain der kulturellen Bildung, kooperiert mit Schulen, bietet theaterpädagogische Fortbildungen und hat nun, mit der Medienpädagogik noch einen weiteren Trieb gepflanzt: Ein mehrdimensionaler Ansatz, der Ebenen vernetzt und so auch in Schichten wirkt, die gemeinhin schwer erreichbar sind für diese Formen von Kultur. Getragen wird dieses Kulturentwicklungskonzept von einem professionellen Team um die nimmermüde Gründerin, Leiterin, Schauspielerin und Regisseurin Karin Massen. Doch trotz unbestrittener Erfolge ist die materielle Basis nach wie vor wackelig.

 

Hoffnungen auf Landesförderung. Derzeit ruht das Budget von 400’000 Euro auf einem Patchwork aus Eigenleistungen und Zuschüssen. Unter diesen Gebern wiederum ist die Stadt Lörrach, in der Tempus fugit sein Hauptquartier aufgeschlagen und mit dem Burghof einen zusätzlichen fördernden Partner für grosse Produktionen gefunden hat, mit rund 40’000 Euro im Jahr der Wichtigste. Dieser Zustupf indes stammt aus dem Globalbudget für Kultur und verdankt sich in erster Linie einem von oben durchgesetzten Verzicht anderer Kulturinstitutionen. Beides wird nächstes Jahr neu verhandelt – mit offenem Ausgang.
Verschärfend hinzu kommt, dass auch die Landesförderung für die Theaterpädagogik 2012 ausläuft. Last but not least braucht das Theater, das ein altes Industrieareal am Rand der Lörracher Innenstadt zwischennutzt, mittelfristig neue Räume. Dafür böte sich im Güterbahnhof zwar eine Alternative an, die sogar die Option einer eigenen Spielstätte eröffnen kann. Doch auch das ist eine Frage des Geldes und der Bereitschaft der Deutschen Bahn als Eigentümerin des Areals. Hoffnungen ruhen denn auch einmal mehr darauf, dass es doch gelingt, Tempus fugit in der Theaterförderung des Landes Baden-Württemberg zu verankern. Dieses hatte es zwar 2009 schon einmal abgelehnt, das Ensemble mitsamt der pädagogischen Arbeit als Regionaltheater anzuerkennen und entsprechend zu fördern – gewissermassen als ein südbadisches Pendant zum schwäbischen ‹Lindenhof› in Melchingen. Doch inzwischen haben sich die politischen Vorzeichen in Stuttgart verändert, und die grün-rote Landesregierung hat dieser Tage durch die Aufstockung der Mittel für soziokulturelle Zentren zumindest signalisiert, dass ihr auch die Kultur an der Basis wichtig ist.

 

Volles Programm. Jenseits der strukturellen Fragen aber macht Tempus fugit 2011/12 so oder so Theater und das einmal mehr in hoher Dosis: Anfang des Monats bringt der Rheinfelder Fugit-Ast mit Xavier Durringers ‹Schnitt ins Fleisch› die erste neue Inszenierung der Spielzeit auf die Bühne; vor Weihnachten folgt dann die Wiederaufnahme von Karin Massens Inzsenierung ‹Liebe Grüsse, Deine Marie›, ein Zwei-Frauen-Stück, das Vertreterinnen des Profi-Kaders spielen und das in der Begegnung einer alternden Frau und eines kleinen Mädchens von den Schwierigkeiten beider erzählt, angemessene gesellschaftliche Orte zu finden. Als Saisonhöhepunkt plant das Ensemble schliesslich nächstes Jahr im und mit dem Burghof unter dem Titel ‹Robinson und Freitag› eine ebenfalls von Karin Massen inszenierte Adaption von Daniel Defoes Anfang des 18. Jahrhunderts erschienenem gesellschaftskritischem Abenteuerroman ‹Robinson Crusoe›, und dazwischen gibt’s u.a. Arthur Schnitzlers ‹Der grüne Kakadu›.

 

Programm, Infos: www.fugit.de

 

(Heft Dezember 2011, S. 15)