Vibes, Vibes, Vibes | Der Singer/Songwriter Lee Everton in der Kaserne
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Nach einem Solo-Konzert Mitte Dezember im Parterre tritt Lee Everton jetzt mit den Scrucialists einige Häuser weiter auf. Mit dieser erprobten Basler Reggae-Gruppe hatte er schon auf seinem brillanten Solo-Début ‹Inner Exile› (2007) einige Stücke eingespielt; auf der neuen CD ‹Sing A Song For Me› bauen Eric Gut (Schlagzeug), Matthias Tobler (Bass) und Luc Montini (Gitarre) auf neun von elf Stücken den Beat. Die Scrucialists seien für ihn ein «Dream-Team», sagt Lee Everton, «sie haben die Reggae-Basis, die für mich wichtig ist, und einen genügend weiten Horizont, auch die anderen für meine Musik essenziellen Einflüsse gut umsetzen zu können: Folk und die paar rockigen Ideen, die ich gerade live cool finde. Es macht Spass, mit ihnen aus dem Vollen zu schöpfen».
Der Reggae begleitet Lee Everton, der in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre mit der Hip-Hop-Band Sendak in einschlägigen Kreisen ziemlich berühmt wurde, seit über 20 Jahren. Er mag daran «die Vibes», was er mit «Beseeltheit» übersetzt. Vibes kämen natürlich nicht nur im Reggae vor, fügt er an, sondern beispielsweise auch im US-Folk, der auf seinen zwei Solo-Platten immer auch eine Rolle spielt: ‹I Ain’t To No Home› von Woody Guthrie spielte er auf ‹Inner Exile›, ‹If Not for You› von Bob Dylan und ‹Anywhere I Lay My Head› von Tom Waits sind es diesmal. Wobei er diese Stücke nicht einfach covert, sondern in seine eigene Musiksprache übersetzt.

 

Karibische Wurzeln
Solche Neuinterpretationen – auf ‹Inner Exile› ausserdem ein Lied von Sam Cooke – sind Signale und Reverenzen. Sie stecken das Feld ab und zeigen: Hier schöpft einer aus einem vielseitigen Fundus, weil seine persönliche Hör-Biografie und damit sein ganzer kultureller Horizont weit gefächert sind. Inhaltlich favorisiert Everton auf der neuen Platte das Zwischenmenschliche. Johnny Cashs Notiz, dass Songs heute dasselbe aussagen wie vor 100 Jahren – mit dem Unterschied, dass wir es anders sagen – trifft auch für Everton zu. Was er sagt, kennen wir. Wie er es sagt, ist neu.
Nach einem Autounfall 2001 habe er das Hip-Hop-Ding nicht mehr gespürt, erklärt Lee Everton seine Rückwendung zu Musik mit karibischen Wurzeln. Die Hip-Hop-Beats seien ihm zu hart erschienen, es habe ihn zu ruhigerer Musik hingezogen. «Mit 20 möchte man die ganze Welt verändern. Mit 30 beginnt man, Country zu hören. Bei mir stimmt das ungefähr. Seit damals verfolge ich stärker die Singer/Songwriter-Linie.» Diese Bezeichnung passt heute gut zu dem Sänger, Gitarristen und Songschreiber. Denn ob sein aktuelles Schaffen wirklich noch Reggae sei, fragt er nicht rhetorisch. Sicher ist er sich, dass es karibisch beeinflusst ist. «Das Tempo ist nicht so schnell wie viele europäische Stile oder Clubmusik. Ich hab’s immer gern etwas langsamer gehabt, etwas grooviger. In Tanz übersetzt: Es geht weniger darum, mit den Armen und Beinen zu zappeln, als vielmehr, mit den Hüften zu kreisen.» Das gelingt einem beim Hören seiner neuen Lieder leicht. Eben wegen der Vibes und auch wegen seines melancho-lischen Optimismus. | Raphael Zehnder

 

CD: Lee Everton, ‹Sing A Song For Me›, Nation Music

 

Lee Everton & The Scrucialists live: Fr 5.2., 22.00, Kaserne Basel → S. 23

 

(Heft Februar 2010, S. 11)