Das Badische Landesmuseum wirft einen Blick auf die Nachkriegsjahre.
Die Fünfzigerjahre in Deutschland: Das war die Zeit, in der Radios ein Verkaufsschlager waren und Lachs-Ersatz als Delikatesse galt, in der ein bügelfreies Nylon-Hemd der letzte Schrei war, das ‹Goggomobil› den Traum familiären Wochenendglücks komplettierte und eine elektrische Waschmaschine für die meisten einen unerreichbaren Luxus bedeutete. Dieses Jahrzehnt zwischen piefig-spiessiger Nierentischromantik und radikalen Umbrüchen, zwischen Trümmerlandschaften und Wohlstand-für-alle-Fantasien, zwischen Deutscher Teilung und EWG-Gründung, strengen Sitten und Anflügen der sexuellen Befreiung, zwischen Hunger und Exotik à la Toast Hawaii rückt das Museum beim Markt in Karlsruhe, eine Dependance des Badischen Landesmuseums, in der Sonderausstellung ‹Waren und Welten – Alltagskultur der fünfziger Jahre› ins Blickfeld.
Basis der Schau sind Sammlerstücke aus dem Sortiment ehemaliger Karlsruher Tradi-tionsfirmen – vom Möbelhaus zum Feinkostgeschäft, von Haushalts- über Spielwaren zum Modeatelier. Diese Requisiten werden in ‹Schaufenstern› in Szene gesetzt und eingeordnet. Was auf den ersten Blick lokal erscheint, erweitert sich trotz der additiven und auf Dauer etwas ermüdenden Präsentation schnell zum Panorama des Jahrzehnts. Da wird in den Titelbildern der Illustrierten der restaurative, prüde und jedes Experiment misstrauisch beäugende Zeitgeist spürbar; da verweisen viele Utensilien auf eine Alltags-praxis, die sich im Vergessen und Verdrängen übt; da spiegelt sich im Konsum das Überleben eines verheerenden, selbst verschuldeten Krieges; da regiert das Bedürfnis, satt zu werden und endlich zu leben. Harmoniesucht und Lebenslust springen denn auch in fast jeder Vitrine ins Auge, spiegeln sich in Details wie Salzlettenständern, Raucher- und Gläsersets, den Warmhaltehauben für Kaffee, Tütenlampen und vielen anderen selt-samen Accessoires, die für behagliche Modernität standen.
Vom Nichts zum Überfluss
Aber dieses Aroma inszenierter Sorglosigkeit und gestelzter guter Laune war immer nur ein Teil der Wirklichkeit: So musste allein Westdeutschland, also die alte Bundesrepublik vor 1990, bis in die Sechzigerjahre gut neun Millionen Vertriebene und Flüchtlinge aus dem verspielten Osten des Deutschen Reichs integrieren: Das entspricht einer Zuwanderungsrate, auf die heute keine europäische Gesellschaft kommt. Und während die Wirtschaft nicht zuletzt dank der Nachfrage dieser Zuwanderer und Millionen ausgebombter Haushalte, die bei Null anfangen mussten, bald den Aufschwung erlebte, der als Wirtschaftswunder Geschichte schrieb, häutete sich die Gesellschaft im Subkutanen mindes-tens so radikal: Damals begann sich jene moderne, westliche Konsumgesellschaft zu entwickeln, die Deutschland heute ist. Nicht zuletzt diesen Prozess macht die Ausstellung nachvollziehbar. Wem das noch nicht reicht: Im Begleitprogramm ist u.a. ein Thementag mit Rock’n’Roll angekündigt. | Michael Baas
Sonderschau ‹Waren und Welten — Alltagskultur der fünfziger Jahre›: bis So 7.3., Museum beim Markt, Karl-Friedrich-Str. 6, Karlsruhe, www.landesmuseum.de
Di bis Do 11.00—17.00, Fr bis So und feiertags 10.00—18.00
50er-Jahre-Thementag ‹Petticoat und Rock'n'Roll›: Sa 13.2., 10.00—18.00
Ausserdem zum Thema: Fotobuch von Stefan Hunstein, ‹Schön wars!›. Aus den frühen Jahren der Republik. Hatje Cantz Verlag, 2009. D/E, 152 S., 100 Farbabb. nach alten Postkarten, geb., CHF 57
(Heft Februar 2010, S. 18)




