STEFAN FRANZEN
Seit 20 Jahren erfreuen die Offbeat-Jazzfestivals ein breites Publikum. In seinem Jubiläumsjahr steuert das Offbeat-Festival verschiedene Klangstationen an, die mit geballter Prominenz vor allem die E-Gitarre (Marc Ribot, John Scofield, Jim Hall) und das Klavier (Brad Mehldau, Thierry Lang, Michael Wollny, Joachim Kühn) in den Fokus stellen. Doch das Festival feiert auch die weibliche Stimme und eröffnet sich mit dem ‹East Meets West›-Schwerpunkt einen neuen Themenkreis.
Die Berührungspunkte mit der Weltmusik sind seit Jahrzehnten selbstverständlicher Teil der europäischen Jazz-Szene. Während Goran Bregovic mit seiner Wedding & Funeral Band eher die Balkantraditionen in poppiger Sprache bündelt, kommt auch ein Mann nach Basel, der wahrhaft Integratives zwischen den beiden Genres geleistet hat. Der tunesische Oud-Spieler Anouar Brahem ist längst für seine introspektiven, fast archetypischen Kompositionen auf dem Label ECM bekannt, für das er schon neun Scheiben produziert hat. Sein neues Programm, ‹The Astounding Eyes Of Rita›, lebt von der Zwiesprache der arabischen Laute und der Bassklarinette von Klaus Gering, die sich in eleganter Doppelung umspielen. Eine gedeckte, geheimnisvoll dunkle, aber nicht ausschliesslich melancholische Färbung ist das Resultat, die mit verschlungener Melodieführung an mythische Bilder rührt und vom ruhig dahinschreitenden Puls geprägt wird. Doch Brahem geht mittels der elegant klackernden Perkussion des Libanesen Khaled Yassine und dem funky Bass von Björn Meyer aus Schweden auch in belebte, tänzerische Eleganz hinein, und er schafft so eine imaginierte Folklore mit arabischen und mediterranen Zügen. Ein Quartett, das meisterhaft Anknüpfungspunkte zwischen Maghreb-Tradition und jazziger Improvisationskunst findet.
Warm und expressiv. Als weiterer Höhepunkt sei der nordisch-mediterrane Stimmengipfel des vokalen Themenstranges herausgestellt. Mit Roberta Gambarini und Rigmor Gustafsson kommen zwei Ladies der jüngeren Generation auf die Bühne, die aus der Jazztradition ganz unterschiedliche Lehren gezogen haben. «Ich habe mit vielen Sängerinnen gearbeitet, aber mir fällt keine ein, die ihre Sache besser gemacht hätte als Roberta Gambarini», liess Hank Jones über die Norditalienerin verlauten. Als ihre Eltern sie nach dem Musical ‹Roberta› benannten, das durch die Melodie ‹Smoke Gets In Your Eyes› unsterblich wurde, wussten sie noch nicht, dass die Tochter eines Tages ein internationaler Gesangsstar sein würde. Mit 17 schon stand sie auf den Bühnen der lokalen Clubs in und um Turin und gewann wenig später nationale Wettbewerbe. 1998 folgte der Sprung in die USA, wo sie mit Herbie Hancock, Ron Carter und Michael Brecker arbeitete.
Dabei hat sie sich als Europäerin kein leichtes Repertoire ausgesucht. Gambarini orientiert sich am Great American Songbook, den grossen Standards, die von einer Heerschar von Konkurrentinnen gesungen werden. Doch sie hat ihr ganz eigenes Timbre, ein auffälliger und warmer, jedoch genauso expressiver Alt, und sie hat ihre ganz eigene Herangehensweise: «Allen Stücken, die ich singe, nähere ich mich von ihrer lyrischen Substanz und ihrer Geschichte her», erklärt die Turinerin, für die hinter jeder Song-Story auch persönlich Erlebtes steht. Und so ist sie ihren berühmten Vorgängerinnen Sarah Vaughan und Ella Fitzgerald zwar verpflichtet, schafft es aber in Quartettbesetzung durchaus, eigene Akzente in Phrasierung und Klangfarbe zu setzen. Dies in einem Programm, das Anklänge an Sinatras grossen Gestus, intime Balladen, Uptempo-Swing, ein Beatles-Cover und italienische Filmmelodien vereint.
Sonnig und lyrisch. Wie viele ihrer skandinavischen Kolle- ginnen bereichert die Schwedin Rigmor Gustafsson ihr Jazzvokabular mit Elementen aus dem Pop, aus Folk und Songwriting. Und sie schmückt sich in ihrem neuen Programm gar mit Streicherklängen, die sogar die abendländische Klassik integrieren, zumal ihre Mitstreiter aus Wien kommen: In Partnerschaft mit dem Radio String Quartet Vienna bündelt Gustafsson Coverversionen der Pop- und Jazzgeschichte mit Eigenkompositionen der beiden Parteien zu einem sonnig-lyrischen Zyklus. Die helle Stimme der aus einer Bauernfamilie stammenden Frau harmoniert dabei kongenial mit den mal melancholischen Liegetönen, den übermütigen Pizzicati oder auch dem furiosen Galopp der Wiener. Stevie Wonder, Burt Bacharach und Paul Simon tragen hier ein neues luftiges Gewand. Doch die Sängerin aus der schwedischen Provinz hat auch ihre Vergangenheit auf die internationale Bühne gebracht – mit einem wunderschönen Volkslied aus dem Värmland.
Jazzfestival Basel: Mi 21.4. bis So 2.5., diverse Orte → S. 35 www.jazzfestivalbasel.ch
‹Oriental Groove› mit dem Anouar Brahem Quartet: Sa 24.4., 20.15, Schauspielhaus
‹Vocal Summit› mit Gustafsson/Gambarini: Sa 1.5., 19.30, Stadtcasino
(Heft April 2010, S. 11)




