Impressionen aus Ungarn
> zurück

FRANÇOISE THEIS

 

Vier kreative Köpfe realisieren das spartenübergreifende Projekt ‹Honfibú›. Eine Stadt bringt vier Kunstschaffende zusammen: den Fotografen Christian Lichtenberg, die Künstlerin Petra Rappo, den Schriftsteller Franz Dodel und den Musiker Christian Kobi. Sie alle haben während einer gewissen Zeit in Budapest gelebt und gearbeitet. Besonders Lichtenberg und Rappo nehmen in ihren nun ausgestellten Werken direkt Bezug auf Erlebnisse in der fremden Stadt. Diese Erfahrungen sind an Dinge geknüpft, die sie auf vordergründig ziellosen Streifzügen fanden. Ohne vorgefasstes Konzept waren sie offen für das Einzelne, das aus den schier überquellenden Flohmärkten und Antiquariaten gerade sie ansprach, etwas in ihnen zum Klingen brachte, eine Irritation hinterliess. Sie vertrauten darauf, dass das so Vorgefundene und Ausgewählte zum produktiven Material ihres künstlerischen Schaffens wird.
Petra Rappo – die Basler Zeichnerin, die sich mit Buchillustrationen einen Namen gemacht hat – sammelt in Budapest alte Fotografien und vergilbte Dokumente. Die verfärbten, in fremder Sprache beschriebenen Blätter werden zu Trägern ihrer Zeichnungen. Als Vorlagen dafür dienen ihr Ausschnitte der Fotografien. So verwebt Rappo in ihren Arbeiten verschiedene Erinnerungsschichten und schafft für die Bildfragmente eine neue Anwesenheit.
Christian Lichtenberg präsentiert in der von ihm und Petra Rappo initiierten Ausstellung gefundene Objekte. Herausgelöst aus ihrem ursprünglichen Kontext, der nur noch erahnt werden kann, zeigen sich die Gegenstände auf Ausstellungssockeln einem Publikum, das sie über eigene Assoziationen und Erinnerungen – ähnlich einem proustschen Madeleine-Erlebnis – mit anderer Bedeutung auflädt. In seinen fotografischen Arbeiten schichtet Lichtenberg mehrere Bilder und Texte übereinander. Durch diese Verdichtung gelingt es ihm, seine Erinnerungen in einem neuen Bild aufzubewahren.
Heimatkummer. Den Titel ‹honfibú› des gemeinsamen Projektes hat der Berner Autor Franz Dodel vorgeschlagen. Das ungarische Wort drückt das Lebensgefühl eines Volkes aus, dessen Geschichte durch wiederkehrende Zeiten der Unterdrückung geprägt ist. In Dodels sich endlos fortsetzendem Haiku ‹Nicht bei Trost› taucht dieser Ausdruck in Zeile 9214 auf: «‹honfibú› ein fremdes Wort / das den Kummer meint /um die Heimat hier passt es / in seiner Fremdheit.» Während den vier Projekttagen wird Dodel – wie er dies seit 2002 möglichst jeden Tag tut – an seinem Kettengedicht aus abwechselnd fünf- und siebensilbigen Zeilen weiterspinnen und immer wieder daraus vorlesen. Seine Lesungen umrahmt der junge Saxophonist Christian Kobi. Experimentell ist sein Ansatz, Erinnerung evoziert er durch das Abspielen in umgekehrter Richtung des vorgängig live improvisierten Klangstückes.
Die Kunstschaffenden sind während der ganzen Projektdauer vor Ort. Im Austausch mit den Gästen möchten sie die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Arbeiten weiter ausloten.

 

‹Honfibú – Erinnerungsspuren›, H95 Raum für Kultur, Horburgstr. 95
Vernissage: Do 22.4., 19 h

 

Lesung und Klang/Improvisationen: Do 22. bis Sa 24.4., 19.30, sowie So 25.4., 11 h. Öffnungszeiten: Fr 23./Sa 24.4., 10–22 h, So 25.4., 10–17 h

 

(Heft April 2010, S. 23)