Wie Touristen im eigenen Leben
> zurück

ALFRED SCHLIENGER

 

Alicia Schersons neuer Spielfilm ‹Turistas› bricht in eine verfremdete Natur auf. Die Hauptstimmung in diesem ganz eigenartigen chilenischen Spielfilm ist die des Nichtwissens, was mit einem los ist, eine Stimmung des Treibenlassens, des Wunderns, des Offenseins für Neues. Dabei beginnt alles ganz konventionell: Ein verheiratetes Paar fährt von Santiago aus nach Süden in die Sommerferien, auf dem Anhänger den Wasserscooter, der auf dem Trockenen irgendwie lächerlich aussieht. Und etwas unwohl und angespannt wirken auch Carla und Joel in ihrem Auto. Wie Fische auf dem Trockenen. Die wenigen Gesprächsfetzen enthüllen, die Frau hat eben abgetrieben, ohne mit dem Mann darüber zu reden. Beim nächsten Zwischenhalt lässt Joel seine Frau einfach sitzen und fährt weg.
Zuerst will Carla auf eigene Faust zurück nach Santiago, doch dann schliesst sie sich dem jungen Norweger Ulrik an, der unterwegs ist zu einem nahen Nationalpark. Was sich nun entfaltet, ist weniger eine Handlung, als vielmehr eine visuelle Reflexion über die Unwägbarkeiten des Daseins. Die Figuren bewegen sich wie Touristen durch ihr eigenes Leben und probieren neue Rollen aus. Ist der blonde Ulrik tatsächlich Norweger? Nimmt er sich wirklich eine Auszeit von seiner Freundin in Santiago? Und soll man ihm glauben, dass er schwul ist, wie er behauptet?
Auch die Natur, in der sich Carla und Ulrik bewegen, funktioniert nach eigenen, nicht immer durchschaubaren Gesetzen. Die grandiosen Wasserfälle des Nationalparks scheinen plötzlich aufwärts zu fliessen. Riesige Vogelspinnen kriechen friedlich über menschliche Körper. Und auch die Begegnungen mit anderen Menschen in diesem Park sind alle von einer eher absonderlichen Art. Grandios wie ein Theaterauftritt das Erscheinen der beiden rätselhaften und zum Verwechseln ähnlichen Susanas in ihrem schwarzen Outfit. Der philosophierende Parkwächter erweist sich als ein früher bekannter Schlagersänger.
Alles, auch das Unvereinbare, fliesst irgendwie ineinander, alles ist in Bewegung, aber ohne Ziel und Zweck. Es genügt, das Sein zuzulassen und zu beobachten. «Alles ist verdammt schwierig und schön», steht zu Beginn wie ein Motto über dem Film. Am Schluss erklingt ein Lied, das den eben erlebten Ausbruch aus den genormten Bahnen des Lebens als eitel und egoistisch zu denunzieren scheint und damit weitgehend zurücknimmt. Eigentlich schade.

 

Der Film läuft in einem der Kultkinos.

 

(Heft Mai 2010, S. 9)