CHRISTOPHER ZIMMER
Die besten Beerdigungen der Welt treffen auf den Urvater aller Blutsauger. Nach der Drei-Personen-Instant-Fassung der ‹Räuber› und der wundervollen One-Woman-Show ‹Frau Kägis Nachtmusik› bringt das Vorstadttheater mit einem fünfköpfigen Ensemble ‹Vlad Dracul›, die grösste Hausproduktion seit dem Teamwechsel 2007/08, auf die Bühne. Und wagt sich unter der Regie von Matthias Grupp an ein Thema, das auf den ersten Blick schwer und düster erscheint, sich auf den zweiten Blick aber als spannende und lohnende Herausforderung erweist: Sterben und Tod.
Schon seit Grupp am Vorstadttheater ist, wollte er gerne ein Stück über den Tod machen. Dabei sah er sich mit zwei Messlatten konfrontiert: einerseits dem Credo des Hauses gerecht zu werden, Theater für jedes Alter anzubieten; anderseits dem mit Ängsten und Tabus belegten Thema nicht pietätlos zu begegnen. Zwei Eckpfeiler standen dem Projekt hilfreich Pate: das Kinderbuch ‹Die besten Beerdigungen der Welt› von Ulf Nilsson und der Dracula-Mythos – dieser vor allem in der Stummfilmästhetik von Max Schreck (‹Nosferatu›, 1922). Das Buch steuerte die spielerische Hingabe der Kinder bei, der Mythos die Schauermotive – weshalb das Stück für Menschen ab zehn Jahren gespielt wird.
Sehnsucht nach Erlösung. Der aus Improvisationen entwickelte Abend, in den Ideen einer Schulklasse der OS Wasgenring eingeflossen sind, bringt zwei Geschichten zusammen: Am Beginn stehen drei Totengräber, die nach ganz eigenen Formen im Umgang mit dem Tod und den Fragen um diesen suchen. Dass einer von ihnen ein Lehrling ist, macht daraus eine Unterrichtsstunde, die viel spielerisches Als-Ob und Fantasie zulässt. Als zweites greift der Abend auf die klassische Struktur des Urmärchens um Dracula zurück: Der Vampir bittet um die Überführung seiner jung verstorbenen Frau nach Transsylvanien, das Foto der Frau des Totengräbers erinnert ihn an die verlorene Geliebte; prompt reist der Fürst der Nacht mit bekannt bissigen Absichten nach Basel, und das Unheil nimmt seinen Lauf.
Doch ist die Figur des Vlad Dracul mehr als nur ein handlungstreibendes Element. An ihr spitzt sich das Thema zu. Dracula ist nicht bloss ein Monster, sondern auch einer, der nicht sterben kann und sich zugleich nach Erlösung sehnt. Doch allein der Tod kann ihn von aller Schuld und dem Fluch der Unsterblichkeit befreien. Diese Sehnsucht nach Erlösung verbindet Mensch und Vampir. Den Schlüssel dazu liefert – wie könnte es anders sein – auch in diesem Spiel die Liebe.
Viel Stoff also für Jung und Alt. Für Kinder, die schon früh unverblümt zu fragen beginnen, und für Erwachsene, die sich den Fragen nach den letzten Dingen früher oder später stellen müssen. Dass solches Fragen durchaus Spass machen kann, dafür wird das Ensemble mit Spielfreude, Humor und stimmungsvoller Live-Musik sorgen.
‹Vlad Dracul›: ab Fr 7.5., 19 h, Vorstadttheater Basel → S. 29
‹Zum Reinbeissen. Dracula-Installation der 2c der OS Wasgenring›: Do 3.6., 18–20 h, im Hof des Vorstadttheaters
Ulf Nilsson, ‹Die besten Beerdigungen der Welt›, Moritz Verlag 2007. 40 S., gb., CHF 22.90
(Heft Mai 2010, S. 10)




