CORINA LANFRANCHI
Das Dichter- und Stadtmuseum Liestal ehrt Hebel und thematisiert das Spannungsfeld von Mundart und Hochdeutsch. Er ist der Vater der ‹Doppelzunge› – und als solcher der Erste, der souverän mit dem Alemannischen und dem Hochdeutschen umzugehen wusste: Johann Peter Hebel (1760–1826). Mit 43 Jahren reüssierte er mit seinen ‹Alemannischen Gedichten› anonym in Karls-ruhe. Ein Basler Verleger hatte das Werk mit der Bemerkung abgelehnt, so zu dichten, wie man rede, sei keine Kunst. Das Dichter- und Stadtmuseum Liestal ehrt den Pionier nun in spezieller Weise: Mit einer Ausstellung, die den ‹literarischen Beherrscher der doppelten Muttersprache› zum Anlass nimmt, den alemannischen Sprachraum linguistisch und poetisch zu erkunden.
Sinnliche Sprach-Begegnungen. Ausgangspunkt der ambi-tionierten Sonderschau ist der Blick auf die Alemannen, ein Volk, über das man laut Ausstellungsmacher und Museumsleiter Markus Ramseier recht wenig weiss. Klar ist, dass im Alemannischen die Deutschschweizer Dia-lekte angelegt sind. Und Tatsache ist auch, dass Schweizerdeutsch en vogue ist – zunehmend auch im schriftlichen Bereich. Ob dies mit der «sprachlichen Anarchie» zu tun hat, die die Mundart erlaubt, da sich bislang keine klaren Schreibnormen durchgesetzt haben? Oder mit der ihr eigenen Emotionalität? Gleichzeitig wird darüber debattiert, ob der Dialekt nicht schon im Kindergarten dem Hochdeutsch weichen solle …
Dieses gesellschaftspolitische Spannungsfeld interessiert Ramseier denn auch und bildet neben der «sprachlichen Bestandesaufnahme» den zweiten Schwerpunkt. Vielperspektivisch thematisiert die Ausstellung das frühere und heutige Verhältnis zwischen Mundart und Hochdeutsch: Welche Rolle etwa kommt den zwei Sprachen als «dynamischer Bestandteil der regionalen Identität» zu? Wie verändern sie sich? Wie ist der Sprachgebrauch im Alltag?
Neben Hintergrundinformationen laden Hörstationen zu sinnlichen Sprach-Begegnungen ein, die, so Ramseier, «das Bewusstsein für die Vielfalt des alemannischen Sprachraums» wecken sollen. Zu hören sind etwa Textproben aus dem Badischen, Elsässischen und der Nordwestschweiz; ein Kantons-Mundartenquiz mit Kurzanleitung verlockt zur selbständigen Wörtersuche; eine Anleitung zum ‹SMSle› führt ein in die Mundartschreibung. In einer gemütlichen Wohnstube, ausgestattet mit Sofa, Büchergestell, Wort-teppich, Sprachatlas und Laptop, können sich die Gäste ihr eigenes Mundartprofil erarbeiten – oder sich Hebels Kalendergeschichten zu Gemüte führen. Denn natürlich ist auch der Jubilar mit Gedichten, Büchern und den Illustrationen aus dem neuen Hebel-Kalender (s.S. 17) vertreten.
Begleitet wird die Ausstellung von einem attraktiven Rahmenprogramm für Gross und Klein, mit Lesungen, Vorträgen, Konzerten, Theater, Workshops, Kursen und – als fulminantes Schlussbouquet – einem alemannischen Mundart-Festival.
Sonderausstellung ‹Doppelzunge. Im Spannungsfeld von Mundart und Hochdeutsch›: Do 6.5., 19 h (Vernissage im Rathaus) bis So 27.3.2011, Dichter- und Stadtmuseum Liestal → S. 53
Weitere Ausstellungen: ‹Johann Peter Hebel – Bewegter Geist, bewegtes Leben›: Fr 30.4. bis So 1.8., Museum am Burghof → S. 43
‹Kabinettstücke› zu Hebels 250. Geburtstag: bis Mo 10.5., Spielzeug, Dorf- und Rebbaumuseum, Riehen
Vitrine ‹Menschen setzen Zeichen›: Historisches Museum Basel, Barfüsserkiche. Führungen: Mi 12., So 16. (für Familien) und So 30.5.
(Heft Mai 2010, S. 16)




