RAPHAEL ZEHNDER
2500 Jahre Entwicklung eines Kulturguts. Latein als die Sprache der Römer. Cicero als die Norm. Eine tote Sprache. Das sind Schlagworte. Schon ein einziges Gegen-beispiel, das in Jürgen Leonhardts reichhaltigem Buch bloss eine Information unter sehr vielen ist, vermag sie zurecht-zurücken: Erasmus von Rotterdam, der im Basler Münster begraben liegt.
1518 veröffentlichte er das Gesprächsbuch ‹Colloquia familiaria›, in dem u.a. zwei Frauen über Eheprobleme diskutieren. Latein taugte also auch ein Jahrtausend nach dem Ende des Imperium Romanum fürs niveauvolle Alltagsgespräch. Zehn Jahre darauf wandte sich Erasmus im Dialog ‹Ciceronianus› gegen die sklavische Nachahmung klassischer Sprache. Und die Humanisten der Renaissance propagierten neben der Beschäftigung mit der lateinischen Literatur der ganzen Zeitspanne vonder Antike bis ins Mittelalter auch den aktiven Gebrauch dieser Sprache.
Der Tübinger Altphilologe Jürgen Leonhardt, dem wir diese grossartige Geschichte der Weltsprache Latein verdanken, wirft sehr vieles, was die breite Öffentlichkeit über diese Sprache zu wissen glaubt, über den Haufen, allein schon, indem er die Dimensionen zurechtrückt. Die Textmengeder klassischen Schriftsteller des ersten vorchristlichen Jahrhunderts macht nur 0,1 Promille der gesamten lateinischen Textproduktion aus. Achtzig Prozent der antiken Texte stammen von den christlichen Autoren der Spätantike. Das nachantike Textcorpus beträgt das Zehntausendfache des antiken. Wenn das keine Einladung ist, sich in dieses Territorium vorzuwagen! Zumal die lateinische Literatur des Mittel-alters und der Neuzeit praktisch unerforscht sind.
Leonhardt legt eindrücklich dar, wie sich Europa während des Neuhumanismus im späten 18. und im 19. Jahrhundert des Lateins entfremdete. Erst seit da wird es als historische Sprache verstanden: Als man auf seinen aktiven Gebrauch verzichtete, den antiken Kanon als (ohnehin unerreichbares) einziges Stilideal forderte und Latein, so Leonhardt, ausschliesslich als Wissenschaft betrachtete.
Der ‹Makel›, dass Latein keine ‹natürliche›Sprache sei, weil es lediglich über die Schule erworben werde, ist eine Idee des 19./20. Jahrhunderts. Aber auch Englisch,die heutige Weltsprache, lernen wir ja haupt-sächlich in der Schule. Und diejenigen, die Englisch als Zweitsprache verwenden, im Beruf und in der Freizeit, sind viel zahl-reicher als die Muttersprachler. 80 Prozent aller Englisch-Gespräche entfallen auf Nicht-Muttersprachler. Denselben Zweitsprachengebrauch stellt Leonhardt fürs Latein fest – während rund 1500 Jahren nach dem Untergang des alten Rom.
Leonhardt hat ein Buch ohne jeden klassizistischen Dünkel geschrieben, das auf Fussnoten und lateinische Zitate verzichtet. Ein höchst lesenswertes Buch, das der Vielfalt und der wechselvollen Geschichte der alten Weltsprache gerecht wird und erst in der Gegenwart endet. Eine Delikatesse für alle, die Sprache lieben.
Jürgen Leonhardt, ‹Latein, Geschichte einer Weltsprache›, C.H. Beck. 340 S. mit Abb., gb., CHF 42.90
(Heft Mai 2010, S. 18)




