ALFRED ZILTENER
Eine dritte (und letzte) musikalische Nachtwanderung bildet das Programm des diesjährigen Festivals Neue Musik Rümlingen. Noch einmal sind wir in der nächtlichen Landschaft unterwegs, noch einmal horchen wir auf die Geräusche um uns herum und auf geheimnisvolle Musik, die von irgendwoher zu uns dringt, noch einmal verschmelzen Natur und Kunst zu einem modernen Sommernachts-Traum. Mit dem Projekt ‹Vor dem Tag› knüpft das Festival Neue Musik Rümlingen an die nächtlichen Musik-Wanderungen ‹witterung.stromaufwärts› von 2003 und ‹Nachtschicht› von 2007 an. Lukas Ott, der Geschäftsführer des Festivals, spricht vom Schlussteil einer Trilogie, der die Ansätze der beiden früheren Landschafts-Konzerte konsequent zu Ende führe.
Wieder sind KünstlerInnen unterschiedlicher Richtung am Werk: Zu Daniel Ott vom Rümlinger Leitungsteam kommen die KomponistInnen Helmut Lemke, Urban Maeder und Kirsten Reese, der Lichtkünstler Lukas Berchtold und der Regisseur Enrico Stolzenburg. Bei den letzten Landschafts-Projekten habe, erklärt Ott, die Nacht die Konturen der einzelnen Kompositionen verwischt und diese zu einem Ganzen verwoben; dieses Mal entstehe die Arbeit im Kollektiv, als Gesamtkunstwerk aus Natur, Musik, Licht und Theater. Seit zwei Jahren sei die Gruppe an der Arbeit, nicht nur am Runden Tisch, sondern auch mit Klang-Experimenten im Gelände und im Gespräch mit der örtlichen Bevölkerung. Denn nicht nur die Natur mit ihren Klängen soll diesmal einbezogen werden, sondern auch die Mundart der Menschen, die sie bewohnen, und die Sagen und Legenden, die mit ihr verknüpft sind. Leute aus der Gegend werden sie erzählen, einige hören wir von Band,einige treffen wir unterwegs an. Auch der lokale gemischte Chor und eine Blasmusik wirken mit.
Vor Sonnenaufgang. Wie es sich für die Schlussetappe einer Nachtwanderung gehört, beginnt ‹Vor dem Tag› in den frühen Morgenstunden und endet mit dem Sonnenaufgang. Gestartet wird zwischen 1 und 3 Uhr morgens beim Bahnhof Gelterkinden. Man habe eine Nacht von Freitag auf Samstag gewählt, kommentiert Ott, weil dann stündlich ein Nachtzug von Basel nach Gelterkinden fahre. Von dort bringen Shuttle-Busse die BesucherInnen vor Ort. Dieser Transfer ist bereits Teil des Projekts; SchauspielerInnen begleiten die Fahrt.
Die musikalische Wanderung ist in drei Teile gegliedert. Die ersten beiden sind elektro-akustisch: Tierlaute, das Rauschen des Windes, das Rascheln der Blätter bilden das Material, das zum Teil vorpräpariert, zum Teil mit Live-Elektronik bearbeitet erklingt; Lichteffekte sind Teil der Komposition. Im dritten Teil, wenn es langsam Tag wird, kommen unsichtbare Instrumente dazu: Bläser, Schlagzeug, Akkordeon. In einer Amphitheater-ähnlichen Mulde verdichtet sich schliesslich die Musik: Was über die Landschaft verteilt war, konzentriert sich nun hier; Chor und Blasmusik, Geisslechlöpfer und Treichler vervielfältigen das Klangspektrum. – Das Abenteuer endet mit einem gemeinsamen Frühstück.
‹Vor dem Tag›: Sa 14.8., ab 1 h → S. 45
(Heft Juli/August 2010, S. 12)




