CORINA LANFRANCHI
Bettina Balàka erzählt Geschichten, in denen das Ende offen bleibt. «Was siehst du?» «Das Meer», sagte ich, «den Himmel.» «Und welches Gefühl weckt das in dir?» Ich überlegte. «Freiheit. Es ist ein Gefühl der Freiheit.» «Siehst du!», rief Peterson und deutete mit dem Finger auf mich, als hätte ich genau das Richtige gesagt: «Und dennoch ist es eine Tatsache, dass man auf offenem Meer wie ein Gefangener lebt.»
Ist das so? Das kurze Gespräch zwischen dem 13-jährigen Schiffsjungen und Ich-Erzähler und dem mysteriösen Matrosen Peterson, stimmigerweise auf dem Deck der Mary Mallory auf hoher See geführt, findet kein schlüssiges Ende. Es ist bloss eine kurze Sequenz, ein Innehalten und Staunen über die widersprüchliche Beschaffenheit der Welt – und letztlich ein Sinnbild für das, wovon Bettina Balàka in ihrem neuen Erzählband ‹Auf offenem Meer› berichtet: von ungesicherten Lebenslagen, von emotionalen Grenzen und dem schwierigen Unterfangen, diese zu überschreiten.
Die 1966 in Graz geborene Autorin, die heute als Übersetzerin und Dolmetscherin in Wien lebt, erzählt Geschichten von Menschen aus unterschiedlichen Zeiten, Milieus und Orten: Da ist die todkranke Frau, die noch immer davon träumt, Hitler im Jenseits die Hand zu schütteln. Am Totenbett vermacht sie ihrem Enkel und seiner Frau ihre Villa, bei der es sich um arisierten Besitz handelt. Was wiegt mehr: Das künftige Traumhaus mit Traumgarten oder die Vergangenheit? Wieweit bestimmt Letztere die Gegenwart des jungen Paares?
Oder Kapitän Mordock, der an Bord des Robotschiffs im Golf von Ashun Stellung gegen den Angriff einer feindlichen Flotte bezieht, derweil seine Frau – fluchtartig und zeitgleich – in ein Flugzeug steigt, um endlich in ein neues Leben zu fliegen. Oder der in deutsche Gefangenschaft geratene russische Intellektuelle, der von der Gattin des Gefängnisdirektors mit Essen versorgt wird. Schliesslich auch der oben zitierte Schiffsjunge aus Cornwell, der für seine verwitwete Mutter einen Mann sucht und dabei auf überraschende Weise mit dem Phänomen Zeit konfrontiert wird.
Balàka schildert eigensinnige und gewöhnliche Menschen, erfindet dazu wilde Geschichten und verknüpft diese zuweilen mit recherchierten Fakten aus der Wirklichkeit. Mit jeder Erzählung tut sich ein kleiner Kosmos auf, in dem sich persönliches Schicksal und ‹grosse› Geschichte verknüpfen. Der Blick fokussiert dabei eine Momentaufnahme, in der das Leben der Figuren eine Wendung nehmen könnte. Ob diese eintrifft, bleibt offen. Das verleiht den Erzählungen einen eigenen Reiz: Nichts ist vorhersehbar, nichts zu Ende erzählt, alles könnte so bleiben oder auch anders werden.
Balàka schreibt leichtfüssig, ungeschminkt, frisch, nimmt einen mit auf eine Fahrt ins Ungewisse. Und zuweilen spürt man den Wind bei der Fahrt übers offene Meer. Eine äusserst spannende Entdeckung einer bislang in der Schweiz wenig bekannten Autorin.
Bettina Balàka, ‹Auf offenem Meer. Erzählungen›, Haymon, Innsbruck/Wien, 2010. 134 S., gb., CHF 28.50
(Heft Juli/August 2010, S. 16)




