Von der Brauchbarkeit des Unbrauchbaren
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FRANÇOISE THEIS

 

Das Kunsthaus Baselland zeigt Werke von Mireille Gros und von zwei chinesischen Künstlern. Welche Art von Kunst entsteht, wenn man auf Konzepte, Ideen, Pläne verzichtet und ganz aus dem Hier und Jetzt arbeitet? Und was kommt dabei heraus, wenn man einfach nur das macht, was sowieso schon da ist? Eine mögliche Antwort auf diese Fragen bieten die neuen Arbeiten von Mireille Gros (geb. 1954 in Aarau), die in einer kleinen, dichten Einzelausstellung im Kunsthaus Baselland gezeigt werden. Sie sind aus mehreren ‹iaab›-Aufenthalten in China hervorgegangen. Ihre Inspiration schöpft die in Basel lebende Künstlerin aus den Schriften des daoistischen Weisen Zhuangzi.*
In manchmal prekärer Distanzlosigkeit und mit positiver Naivität ist Gros in eine Kultur eingetaucht, die ihr vom Wesen her nicht fremd ist und durch die ihr jetzt das Ausleben von Intentionslosigkeit möglich wird. «In den Schriften Zhuangzis habe ich Vertrautes neu entdeckt. Jedenfalls habe ich jetzt mehr Mut, Dinge zu tun, die ich schon immer machen wollte. Ich schaue mir das jeweilige Situationspotenzial genau an und agiere in ihm.»
Was macht Mireille Gros mit dieser Haltung, wenn es in Basel mal wieder 35 Grad heiss ist und ihr Atelier langsam anfängt zu kochen? Sie schafft wunderbar poetische Arbeiten, wie ‹Traum des Schmetterlings› oder überaus witzige, wie ‹Pushups and Flowers›. Mit buchstäblich vollem Körpereinsatz geht sie dabei ans Werk und braucht weiter nur Wasser und die Brösel des Graphitzuspitzens. Oder sie besinnt sich darauf, dass Seifenblasenpusten gar nicht viel Energie braucht.
Schichtungen von Zeit und Tun im Moment. Ausser dem Körper hat auch die Räumlichkeit in ihre Arbeiten Einzug gehalten. Im mittleren Ausstellungsraum wird der Titel ‹the use of the useless› in Schichten verräumlicht. Ihre Abfallzeichnungen hat sie zugeschnitten und zum Üben chinesischer Schriftzeichen verwendet – Mireille Gros lernt seit drei Jahren Chinesisch. Die Einzelblätter fügte sie dann zu einer Blätterwand zusammen, einer chinesischen Mauer,über die sie mit grosszügigen Pinselstrichen filigrane vegetabile Chinatusche-Strukturen legt. Schön, dass ihre Gewächse nun auch zarte Wurzeln bekommen. Frei in den Raum kommt das Gebilde zu hängen, so dass es den Durchgang verwehrt oder aber neue Wege erschliesst.
Mühelosigkeit und Leichtigkeit kennzeichnen die neuen Werke. Hier wurde nicht gegen Widerstände angekämpft, es wurde verzichtet, wenn die Bedingungen nicht stimmten. In jeder ihrer Arbeiten sind sowohl die Dauer als auch der Moment eingeschrieben. Zeit ist insbesondere in den Bildträgern gespeichert: Für ihre Gemälde benutzt die Künstlerin Leinwände, die sie schon mehrmals übermalt hat, sie greift somit auch hier auf Abfallprodukte zurück. Die riesigen handgeschöpften Chinabütten hat die zierliche Frau mühsam eigenhändig nach Europa transportiert. Auf ihnen sind Strukturen zu sehen, die innerhalb weniger Augenblicke entstanden. Mireille Gros setzt nur ein paar breite farbgetränkte Pinseltupfer auf die Papierbahn, der Rest ist – wie sie sagt – geschenkt. Der Schwerkraft überlassen, entsteht das, was nicht anders sein kann.
Innen- und Aussensicht. Das Kunsthaus Baselland präsentiert als Partnerin des Culturescapes Festival China (s. S. 11) zwei weitere Einzelausstellungen. Im Untergeschoss sind alle fünf bisher erschienenen Teile aus der fortlaufenden Filmreihe ‹Seven Intellectuals in Bamboo Forest› von Yang Fuong (geb. 1971 in Beijing) zu sehen. Das Erdgeschoss wird von einer grossen Anzahl von Zeichnungen und Prints sowie der aktuellen Filmproduktion Sun Xuns (geb. 1980 in Fuxin) bespielt. Mireille Gros’ Werke sind in den drei kabinettartigen Räumen des Obergeschosses eingerichtet. Neben Zeichnungen und Gemälden werden auf Reispapier gedruckte Fotografien gezeigt sowie ein Video, das Gros in Beijing gedreht hat. Laut Kuratorin Sabine Schaschl sind die drei künstlerischen Positionen unabhängig voneinander gewählt, man darf aber gespannt sein, wie sie im Wechsel von Innen- und Aussensicht miteinander interagieren.

 

Ausstellung ‹The use of the useless›: So 19.9. bis So 14.11., Kunsthaus Baselland, Muttenz, www.kunsthausbaselland.ch

 

Werke von Mireille Gros sind zudem in der internationalen Themenausstellung ‹Felicità› zu sehen: So 19.9. bis So 21.11., Centre Pasquart, Biel, www.pasquart.ch

 

*Zhuangzi lebte im 4. Jh. v. Chr. Seine Schriften sind u.a. in ‹Das wahre Buch vom südlichen Blütenland› lieferbar.

 

(Heft September 2010, S. 18)