DAGMAR BRUNNER
Zwei Ausstellungen schlagen Brücken zwischen Kunst und (Mode-)Design. Vor den Sommerferien ging der diesjährige Kulturförderpreis der Alexander Clavel Stiftung in Riehen (nicht zum ersten Mal) an junge ModedesignerInnen, die allesamt in Basel ausgebildet wurden und an der Schnittstelle zwischen Kunst und Mode arbeiten. Diese Schnittstelle ist auch Thema der neuen Ausstellung im Kunst Raum Riehen. Gemäss Kuratorin Kiki Seiler-Michalitsi wird damit erstmals in der Region diese vielfältige Beziehung in einer speziellen Schau ausgelotet, die allerdings nur zeitgenössische Positionen zeigt und auf Historizität oder Vollständigkeit verzichtet.
Die Fragen um ‹Fashionable Art – Mode in der Kunst› beschäftigen Seiler schon lange und haben in den vergangenen 20 Jahren ganz allgemein (wieder) an Bedeutung gewonnen; im Kunstbetrieb sind sie längst virulent. Seit mehr als einem Jahrhundert beeinflussen sich Kunst und Mode, Mode und Kunst, wie zahlreiche Beispiele von Jugendstil über Dadaismus, Konstruktivismus und Pop Art bis in die Gegenwart be-legen. KünstlerInnen wie Henry van de Velde, Sonja Delaunay, Andy Warhol, Joseph Beuys, Andrea Zittel etc. überschritten lustvoll Genregrenzen und kreierten Markenzeichen, und Modelabels wie Vuitton, Bulgari, Prada verbünden sich mit berühmten Namen aus Kunst und Architektur.
Die ‹zweite Haut› des Menschen ist Hülle, Kostüm, Uniform, ein Bild für das Schöne, Veränderliche und Vergängliche, für Identität, Individualität oder Anonymität. Sie spiegelt die Gesellschaft, deren Themen auch die Kunst befruchten. Im Kunst Raum Riehen sind Werke von über 20 in- und ausländischen KünstlerInnen – vor allem aus dem Bereich bildende Kunst – zu sehen, darunter namhafte wie Urs Lüthi, Ugo Rondinone und Sylvie Fleury. Sie tragen kritisch, ironisch, verspielt, hintergründig und klug zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit einem vielschichtigen Thema bei. So etwa Ursula Neugebauer, die sich u.a. mit dem Tschador und seiner komplexen Bedeutung in Ost und West befasst hat.
Traum vom Gesamtkunstwerk. Wer sich für Mode und Kunst interessiert, kommt an Wien nicht vorbei. Dort wirkte um 1900 die ‹Wiener Secession› mit den ‹Wiener Werkstätten›, eine Produktionsgemeinschaft bildender KünstlerInnen, deren Anliegen es war, Kunst und Architektur, Mode, Design und Kunsthandwerk zu einem ‹Gesamtkunstwerk› zu vereinigen. Dieser folgenreichen, rund 30-jährigen Epoche ist die neue Ausstellung der Fondation Beyeler gewidmet. Neben Gemälden und Zeichnungen von Gustav Klimt, Egon Schiele, Richard Gerstl etc. zeigt Gastkuratorin Barbara Steffen auch Möbel, Keramik, Silber, Stoffe und Bilder anderer Künstler. «Lieber zehn Tage an einem Gegenstand arbeiten, als zehn Gegenstände an einem Tag zu produzieren», hiess deren Devise.
Die beiden Ausstellungen in Riehen waren nicht gemeinsam geplant, können sich aber inhaltlich ergänzen. Und laden dazu ein, den Kunstbegriff souverän zu erweitern.
‹Fashionable Art – Mode in der Kunst›: Sa 9.10. bis So 14.11., Kunst Raum Riehen
‹Wien 1900. Klimt, Schiele und ihre Zeit›: bis So 9.1., Fondation Beyeler, Riehen → S. 46
(Heft Oktober 2010, S. 19)




