Verbarium | schlafen
Eine gute Erfindung ist das Schlafen. Für einmal brauche ich gar nichts zu tun: Wenn ich müde bin und zur Ruhe gehe, kann ich mich einfach fallen lassen, und schon kommt der Schlaf und nimmt sich, was ihm zusteht. Okay, ich weiss, nicht alle haben einen derart gesegneten Schlaf. Manche liegen wach und können nicht einschlafen, die Arbeit lässt sie nicht los, und wenn sie an einige ihrer netten Mitmenschen denken, in der Nacht, dann sind sie um den Schlaf gebracht. Das ist ärgerlich, kein Schlaflied hilft und kein Schäfchen-Zählen, da braucht es andere Schlafmittel.
Allerdings gibt es Situationen, in denen auch ich lieber wach bliebe. Ich kämpfe dann mit dem Schlaf, meist vergeblich, z.B. im Konzert, und hoffe nachher, dass mein Schlafen unentdeckt geblieben ist. Auch in Vorträgen kann man einnicken, vor dem Fernseher oder beim Lesen. Oder anderswo: Opium, lese ich bei Jonathan Swift, wirke auf viele Leute nicht so betäubend wie eine Nachmittagspredigt. Eine Beobachtung, die der Autor von ‹Gullivers Reisen›, der zugleich Geistlicher war, ausgerechnet in einer Predigt mitteilt, in einer Predigt über den Kirchenschlaf. Aber gut, vielleicht hat es damit auch seine Richtigkeit, schliesslich steht geschrieben, dass es der Herr den Seinen im Schlaf gibt.
Nun ist das Schlafen aber eine heikle Sache. Wir verlieren uns dabei und finden uns wieder in einer Welt der Schatten und des Unkontrollierbaren. Sicher, es gibt auch die süssen und erhebenden Träume, die Träume von Beischlaf und Glückseligkeit. Aber nicht immer ist das, was wir da erleben, leicht und erfreulich.
‹Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer›, so ist eines der berühmten ‹Caprichos› von Francisco de Goya überschrieben, das über einem Schlafenden allerhand bedrohliche Gestalten zeigt.
Dennoch: Wenn uns der Zustand der Welt unerträglich wird, würden wir manchmal am liebsten in einen Winterschlaf fallen, jedenfalls stellen wir uns dann gerne schlafend. Einfach die Augen schliessen und nichts mehr mitkriegen von alldem. Da braucht es – anders als bei einigen schlafenden Hunden, die wir lieber nicht wecken wollen – einen ordentlichen Weckruf: «Trommle die Leute aus dem Schlaf, / Trommle Reveilje mit Jugendkraft». So Heinrich Heine. Oder Günter Eich: «Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!»
Aber ach! Auch wer wach ist, ist vor Monstern nicht gefeit. Und manchmal scheint es sogar, als ob selbst die wache Vernunft ihre Schattenseiten hat. «Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer» – auch so lässt sich die Goya-Zeile übersetzen. | Adrian Portmann
(Heft Dezember 2008)




