Selbstbewusst, sexy, skrupellos | Spielfilm ‹It’s a free world ...›
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Ken Loach zeigt in seinem neuen Werk ein Opfer als Täterin.
Dieser Ken Loach ist ein Phänomen. Seit vierzig Jahren dreht er in sturer Regelmässigkeit seine Filme. Und seit vierzig Jahren hält er ebenso stur an seinem Lebensthema fest: der sozialen (Un-)Gerechtigkeit. Gleiches Thema, immer anders. Mit richtigen Menschen, mit echten Problemen. Sinnlich, politisch, mit Witz und Wut. ‹Küchenrealismus› hat das ein Schreiberling mal genannt. Man hätte ihm gerne die hoch erhobene Nase in den Dreck der sozialen Wirklichkeit gedrückt, die er offenbar nicht mal vom Hörensagen kennt. Der neue Ken Loach ist der alte – und doch ganz neu. Erzählte er bisher seine Geschichten aus der Perspektive der Abhängigen und Unterdrückten, so zeigt er in seinem neuen Film ‹It’s a free world ...› ein Opfer, das zur ausbeutenden Täterin wird. Das tut doppelt weh.
Angie ist eben aus ihrem Job als Anwerberin von osteuropäischen Arbeitskräften gefeuert worden. Man ist sofort auf ihrer Seite, denn gekündigt wurde ihr, weil sie sich gegen die sexuellen Übergriffe des Chefs gewehrt hat. Mit ihrer Freundin Rose gründet sie eine eigene Arbeitsvermittlung. Denn sie kennt das Geschäft, weiss mit Leuten umzugehen, scheut sich auch nicht, ihre Reize gezielt einzusetzen. Mit Motorrad und Lederkluft klappert sie die Betriebe ab und bietet ihre ausländischen Arbeitskräfte für alles und jedes an. Kierston Wareing spielt diese Angie mit unglaublichem Drive, zupackend, sexy, selbstbewusst. Anfänglich hält sie sich noch an die Gesetze und lehnt es strikte ab, illegale Einwanderer zu vermitteln. Aber als sie erfährt, dass ihre Konkurrenten bei Verstössen gegen das Gesetz nur eine Verwarnung kassieren, beginnt auch sie mit der Vermittlung von Illegalen. Als ein Wechsel platzt, zieht es sie immer tiefer in den Schlamassel, sie kann ihre Arbeiter nicht mehr bezahlen, wird von den um ihren Lohn Geprellten bedroht, überfallen, niedergeschlagen.

Dem System verfallen
Ken Loach zeigt einen Kreislauf der Unterdrückung und Ausbeutung auf dem globalisierten Arbeitsmarkt. Er hat in London, in Polen und in der Ukraine gefilmt. Sein langjähriger Drehbuchautor Paul Laverty hat für diesen Film lange im einschlägigen Milieu recherchiert und sich die entsprechenden Geschichten erzählen lassen. 1,4 Millionen TagelöhnerInnen stehen auf den Lohnlisten von britischen Zeitarbeitsfirmen. 2,5 Millionen Arbeitssuchende in England stammen allein aus Polen. Hinzu kommen abgewiesene Asylsuchende aus Afrika, aus dem Nahen oder Mittleren Osten. Das Schicksal einer solchen Familie aus dem Iran hat Ken Loach in den Film eingebaut. Angie nimmt sie zuerst aus Mitleid bei sich auf, verschafft dem Vater Arbeit – und liefert später die ganze Familie skrupellos an die Fremdenpolizei aus.
Es sind diese Widersprüchlichkeiten, die den Film und seine Figuren so lebendig machen. Man mag diese Angie, man sieht ihre Überforderung als allein erziehende Mutter, aber ihre Rücksichtslosigkeit verschlägt einem den Atem. Sie könnte sich anders entscheiden. Doch sie ist dem System verfallen. Ihre Freundin Rose dagegen steigt aus. Ihr Vater, der sich um ihren Sohn Jamie kümmert, redet ihr ins Gewissen. Aber Angie möchte wenigstens einmal zu den GewinnerInnen gehören. It’s a free world ... | Alfred Schlienger

Der Film läuft derzeit in einem der Kultkinos.

(Heft April 2008)