Spiel mit Sehnsüchten | Federica de Cesco
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Eine Jugendbuchautorin wiedergelesen oder Symptomatologie einer Teenagerfaszination.
Was verbirgt sich hinter leicht schauerlich anmutenden Buchtiteln wie ‹Die Klippen von Acapulco›, ‹Frei wie die Sonne› oder ‹Der rote Seidenschal›? Für Generationen von europäischen Frauen eine Falltüre in die Vergangenheit, zurück ins Wunderland der frühen Teenagerzeit, als Alice nicht mehr mit den Tieren sprach, sondern ernsthafte Hautprobleme zu bewältigen hatte. Als man noch mit der Taschenlampe unter der Bettdecke bis frühmorgens die Geschichte der jungen Ann Morrison verschlang, die wegen eines läppischen Schals bei den White-Mountain-Apachen landet – um dann später im Physikunterricht übernächtigt von einem freien Leben in der Prärie zu träumen. Mit einem indianischen Märchenprinzen an der Seite. Und vor allem mit einem eigenen Pferd unterm Po.
Seit über einem halben Jahrhundert prägen die Romane der Jugendbuchautorin Federica de Cesco die Biografien pubertierender Mädchen (seltener auch Jungs), und es bleibt zunächst einmal unerklärlich, wie den Texten diese unglaubliche Resonanz gelingt. Auch der italienisch-schweizerische Regisseur Nino Jacusso vermag in seinem aktuellen, erfrischenden (und zuweilen etwas geschmäcklerischen) Filmporträt über die Autorin das Geheimnis von de Cescos Schaffen nicht zu knacken, dafür stellt er uns eine agile, kluge und sehr charismatische Siebzigjährige vor, die ohne Aufhebens und in aller Seelenruhe einen unkonventionellen Lebensweg ging.

Ein Hauch von Rebellion
Mit 16 Jahren schrieb de Cesco ihren ersten Roman, eben den berüchtigten ‹Roten Seidenschal›. Es folgten weitere Bücher, in deren Zentrum immer starke, selbstbewusste junge Frauen standen, die gegen alle Widerstände für ihr Glück kämpften – ganz im Gegensatz zu den ‹Vrenelis› und ‹Christelis› der Fünfzigerjahre, mit denen den jungen Leserinnen noch rechtzeitig vor der Hochzeit eine gehörige Portion Fatalismus eingeimpft werden sollte. So seltsam es auch klingen mag: Durch de Cescos Jugendbücher weht bis heute ein Hauch vom rebellischen Geist der Sechzigerjahre.
Doch die im Kern noch immer infizierte Teenagerseele will nicht akzeptieren, dass dies die ganze Erfolgsformel dieser unglaublich produktiven Autorin ist, die innerhalb von 50 Jahren über 80 Titel in unzähligen Sprachen veröffentlicht hat, wobei sie seit wenigen Jahren explizit auch Romane für Erwachsene schreibt. So soll nun de Cescos jüngster, im letzten Herbst bei Blanvalet erschienener Roman ‹Muschelseide› zum Anlass für einen Selbsttest und den Versuch genommen werden, der Faszination einer Teenagerautorin auf die Spur zu kommen.
‹Muschelseide› erzählt die Geschichte einer dreissigjährigen Meeresbiologin aus traditionsschwerer Familie, die seit dem Tod der Mutter bei ihrem Vater in einem herrschaftlichen Haus auf Malta lebt. Durch den überraschenden Besuch der achtzigjährigen Grosstante, einem Gewitter von einer Frau, die ihre Launen wie fauliges Parfum versprüht, erfährt Beata von einem düster gehüteten Familiengeheimnis, dem sie mit Hilfe eines Schals aus Muschelseide nachzugehen versucht. Dabei trifft sie en passant auf einen japanischen Journalisten, der sich prompt als Seelenverwandter und Mann fürs Leben entpuppt.

Märchenhafte Zufluchtsorte
Schon auf den ersten Seiten fällt dem Blick der Erwachsenen dabei das einfache dramaturgische Schema auf, nach dem sich die Geschichte fortspinnt, ein nicht gerade raffiniertes Wechselspiel zwischen Verbergen und Enthüllen von Informationen, dargereicht in einer überexpliziten Sprache, die alles atmosphärisch im Hintergrund Dämmernde sofort ans Licht zerrt und benennt. Dies alles sind – die Jugendliche hatte es nur dumpf geahnt – deutliche Symptome für einen Kitschroman. Doch der grösste Triumph, den de Cescos Text auszuspielen hat, ist eine geschickt kalkulierte Abstraktion, welche die Figuren wie auch die Erzählung ins Zeitlose, Allgemeine – ins Märchenhafte abgleiten lässt.
Der Autorin, die in Belgien Kunstgeschichte und Psychologie studiert hatte, gelingt so ein fast schamloses Spiel mit den Sehnsüchten ihrer Leserschaft. Man muss nicht Jungianerin sein, um die These zu wagen, dass de Cescos Romane so etwas wie archaische Begehren im Spätkapitalismus bedienen: Ihre Heldinnen sind immer stark und ungebrochen, sie bieten dem Leben die Stirn, doch sie müssen sich nie mit den Mühsalen der Existenzsicherung und der Komplexität einer global vernetzten Welt herumschlagen. Niemals werden sie von E-Mails drangsaliert oder geraten auf eine gruselige Internet-Singleplattform, statt dessen leben sie ganz abgehoben in Häusern am Meer, reisen leichtfertig und stets mit voller Kasse quer durch die Welt und kosten von der Stille entlegener Tempel. De Cescos Bücher sind und bleiben so Zufluchtsorte für gestresste Bewohnerinnen des 21. Jahrhunderts, weil sich ihre Welt hinter allem scheinbaren Realismus so überschaubar, sinnvoll und von spirituellen Goldfäden durchwirkt anfühlt. | Alexandra Stäheli

Nino Jacussos Porträt ‹Federica de Cesco› wird auf DVD erhältlich sein.


(Heft April 2008)