Das Od-theater feiert sein Jubiläum mit einer neuen Inszenierung von Sophokles’ ‹Antigone›.
Die Anfänge waren abenteuerlich, erinnert sich H.-Dieter Jendreyko. Begonnen hat alles im März 1986 mit dem ‹Untergang der Titanic› im Badhaus der alten Stadtgärtnerei. Dann folgten die ‹Bakchen› im alten Stücki-Areal und ‹Parzival› im Schlotterbeck. Unabhängig inszenieren wollte er, frei vom Apparat eines Stadttheaters. Theater im freien Fall war das: Finanziell ungesichert, neue Räume, die zum ersten Mal überhaupt als Theaterort erobert wurden, immer neue Ensembles, die eine gemeinsame Haltung finden mussten. So ein Theater nimmt alle Beteiligten in die Verantwortung. Oft waren das grosse epische Stoffe, schwere Brocken, Theater zwischen Erzählen und Spiel. Das interessiert Jendreyko: wie der Schauspieler aus dem Erzählen ins Spiel kommt, ohne sich im Dramatischen zu verlieren, und wieder herausfindet. Ein festes Regiekonzept hat er dabei nicht. «Wenn man nicht weiss, wie es geht», betont er, «wird die Kreativität am höchsten.»
So hat er nicht immer gearbeitet. «Ich war früher ein heftiger 68er, wollte mit jeder Rolle, die ich spielte, der Weltrevolution ein Stück näher kommen», sagt er. Doch als er ans Theater Basel unter Werner Düggelin kam, veränderte sich seine Sicht auf die Welt und das Theater. Und damit auch der Regisseur Jendreyko, der den Darstellenden und den Zuschauenden nichts mehr verordnen will, sondern Mündigkeit voraussetzt. Oft spürt er dann, etwa bei Gesprächen in der Kneipe am Spielort: «Das landet bei den Leuten». Diese kontinuierliche, unmittelbare Nähe zum Publikum sei so in einem Stadttheater nicht möglich.
Befreiung im Scheitern
Es gibt für Jendreyko kein fixes Programm, keinen Spielplan. Jedes Stück fällt ihm zu, so wie jetzt ‹Antigone› von Sophokles. Das war es! Da kommt ein Mädchen und sagt: Stopp! Ich will das nicht! Gegen jede Staatsräson behauptet sie ihre menschliche Position. So etwas wünscht er sich auch für die Jugendlichen heute: Dass sie aufstehen und sagen: Stopp! So nicht! Oder besser noch: So wollen wir es! Aber das werde immer schwieriger, «weil wir von allen Seiten viel besser einbalsamiert werden». Früher sei es einfacher gewesen: «Da hatten wir fassbarere Gegner, die Väter, die aus der Nazizeit kamen.»
Gespielt wird in der ehemaligen Volksdruckerei im St. Johann. Ein Ort mit Industrieambiente. Dann tritt plötzlich ein König auf, und das Publikum wird aus seinen Sehgewohnheiten herausgezwungen. Das Fantastische an dieser Tragödie sei, «wie da ein Mensch, König Kreon, scheitert, wie er voll aufs Pflaster stürzt – und in dem Scheitern liegt die Befreiung.»
Über vier Wochen lang wird das Stück gezeigt. Geplant sind dazu Veranstaltungen mit dem Theater Basel, das selbst den ‹Oedipus› gibt, sowie eine Zusammenarbeit mit Amnesty International, weil sich bei ‹Antigone› bestens aktuelle Bezüge herstellen lassen. Und wie immer soll es viele Kontakte mit Schulen geben. Ausserdem wird Jendreyko an zwei Abenden zwei Gesänge aus der ‹Illias› von Homer sprechen: Achill und Priamos über der Leiche Hektors verhandelnd.
Hat der Theatermann Wünsche für sich, das Od-theater, die Zukunft? «Dass es weitergeht», ist seine Antwort. | Christopher Zimmer
(Heft Oktober 2006)




