Gastro.sophie | Eine sichere Bank

Zwei Sorgen sinds, die einen Gastrosophen nicht rasten noch ruhen lassen: Erstens die, ein hier besprochenes Restaurant könnte bei Erscheinen der Zeitschrift schon nicht mehr existieren, ergo innert Monatsfrist bachab gegangen sein, rumms, Rollläden runter. Das bitte nie! Zweitens jene gelegentlich auftretende Sorge, die Fantasie könnte einmal nicht mehr hinreichen. Wie?
Ganz einfach, die ProgrammZeitung ist ein Monatsheft mit entsprechendem Vorlauf in der Produktion. Und schon sind wir beim Punkt. Beim Wetter nämlich. Wie soll man sich am Ende eines masslos verregneten und geradezu bösartig kühlen Monats Mai wohl den Juli vorstellen können? Wie einen Terrassen- oder Gartenbetrieb kritisch würdigen, wenn es immer nur runtermacht? Sollte ich gar nur so tun, als sei ich dort gewesen (Fantasie!), frischfrech Lampions, den lauen Nachtwind, Sommerschwüle und Trägerhemdchen erfinden? Nimmer!
Also, was die Kardinalssorge betrifft, können wir heute wohl guten Mutes sein. Den Gasthof Zum Goldenen Sternen gibt es jetzt schon so lange (seit 1412), dass er wohl noch ein paar Jahrhundertchen weiter bestehen wird. Schliesslich ist es die älteste Wirtschaft der Stadt und nebenbei ein Kuriosum. Vor rund 60 Jahren wurde der Sternen nämlich – das sieht man auch nicht so oft – Stein für Stein in der Aeschenvorstadt abgetragen und ins St. Alban-Tal spediert. Seither steht er dort an schönster Lage und tut so, als sei es seit immer.
Das wäre für sich genommen schon einen Besuch wert. Wenn dann aber noch eine ideenreiche Küche ohne Tadel dazukommt und ein aufmerksamer, sympathischer, echt freundlicher Service – also wir haben gesagt, dass das nicht unser letzter Besuch war. Statt nun aber ins Detail zu gehen und die überschaubare Speisekarte zu würdigen (samt ‹Lucullus-Mahl› und allem), schweife ich kurz ab und frage mich, warum im Sternen nicht selten Geschäftsleute verkehren sollen.
Stellen wir uns vor, Finanzchef A der Pharmafirma B lädt Investmentbanker C zum Business-Dinner, man ist sich praktisch schon einig. Möchte dann A (wo es doch grad darum geht, ob die Investition 8 oder 9 Nullen hat) sich betreffs Ambiente, Menü, Weinset und Service noch gross Gedanken machen müssen? Möchte er natürlich nicht. Und in der Tat stimmt im Goldenen Sternen einfach alles; auch für uns, die wir vor so vielen Nullen kapitulieren.
Zuletzt noch ein wehmütiger Abschiedsblick. Hinten raus in den Hof, wo ein Brunnen traulich vor sich hin plätschert. Und vorne raus auf Basels schönsten Boulevard, am Rhein und unter Kastanienbäumen. Im Juli dann wird alles gut, versprochen.

| Oliver Lüdi


Restaurant Zum Goldenen Sternen, St. Alban-Rheinweg 70,
T 061 272 16 66, Mo bis Sa 11.00—24.00, So 11.00—22.00

(Heft Juli/August 2006)