Im Rausch der Sinne

ALFRED SCHLIENGER

Ein opulenter Prachtband zu Pedro Almodovars Filmen.
Es ist ein massloses Buch. Und glänzend in Form gebracht. Das passt ganz gut zum spanischen Filmkünstler Pedro Almodovar. Man braucht schon ein stabiles Behältnis und einen starken Arm, um den prallen Zwölfpfünder sicher nach Hause zu bringen. ‹Das Pedro Almodovar Archiv› nennen es die Herausgebenden Paul Duncan und Barbara Peiro, und auch damit hat es seine Richtigkeit. Denn man taucht buchstäblich ein in jeden der 18 Filme, die der vielseitige Regisseur zwischen 1980 und 2011 geschaffen hat. Von ‹Pepi, Luci, Bom y otras chicas del monton› über ‹Matador›, ‹Mujeres al borde de un ataque de nervios› und ‹Tacones lejanos› bis zu ‹Volver› und ‹La piel que habito›. Über 400 Seiten stark ist der Prachtband, und keine Seite bleibt ohne Bild; das Buch badet förmlich in Almodovars greller Farbigkeit, grosszügig, opulent, wie im Sinnenrausch.
Lange hat Cannes den Künstler warten lassen, bis er endlich am Wettbewerb teilnehmen durfte, wie Festivaldirektor Thierry Frémaux im Vorwort zugibt. Aber dann welch ein furioser Auftakt mit ‹Todo sobre mi madre› (1999), seinem 14. Spielfilm! Es ist wohl sein gefühlsstärkstes und berührendstes Werk. Und seither ist Almodovar Stammgast in Cannes.

Menschlichkeit. Als schrill, überdreht, trashig und besessen von sexuellen Absonderlichkeiten ist Almodovars Opus schon oft charakterisiert worden. Das trifft höchstens die halbe Wahrheit. Was seine zutiefst menschliche Kunst einzigartig macht, ist diese unvergleichliche Mischung aus Überschwang und Melancholie, aus Verschmelzungssehnsucht und Einsamkeit, die alle seine Figuren mit sich herumtragen. Kaum einer lotet die Grenzen der Geschlechtlichkeit – und ihre Überschreitung – so verwegen und doch sensibel aus.
Das Besondere an diesem Band ist, neben der Bildermacht, dass er einen wirklich aufs Set mitnimmt. Almodovar schreibt die erhellenden Bildlegenden meist selbst, kommentiert Kameraeinstellungen und Figurenführung, und neben vertiefenden Analysen fragt sich der Regisseur in so witzigen wie informativen Selbstinterviews gleich selber, was er endlich mal gefragt werden wollte. Und nicht zuletzt ist der Bildband natürlich ein Wiedersehen mit all den grandiosen Schauspielerinnen, denen er in jedem seiner Filme seine Referenz erweist: Carmen Maura, Cecilia Roth, Marisa Paredes, Julieta Serrano, Rossy de Palma, Victoria Abril, Penelope Cruz – während Männer beim schwulen Regisseur oft eine untergeordnete Rolle spielen. Nur etwas ist schöner als dieses Archiv: die Filme selber.

‹Das Pedro Almodovar Archiv›, Hg. Paul Duncan und Barbara Peiro. Taschen, Köln 2011, 410 S., über 600 Abb. (inkl. Filmstreifen aus ‹Volver›), gb., 41x30 cm, Euro 150

(Heft April 2012, S. 9)