Verwoben im rasenden Stillstand – ein Krisenballett

DOROTHEA KOELBING

 

Bühnenschaffende aus Basel und Freiburg thematisieren ‹Letzte Welten›.
Katastrophen. Krisen. Die Zeitungen sind voll davon. Die Nachrichtensendungen ebenso. Blogs, Informationskanäle quellen über. Alarmmeldungen überschlagen sich, eine Krise wird von der nächsten überholt. Und wieder eine. Ökonomisch. Ökologisch. Sozial. Global. Was hat das mit uns zu tun (istdasnichtganzwoanders?)? Uns geht es doch gut (wielangenoch?)! Und nach uns? Der Alltag – eine fortwährende Krisenkonferenz, die Teilnehmenden – wir alle.
Es entsteht Sehnsucht nach Beziehung, nach dem Paradies, nach Sicherheit. Bitte! Wie weiter? Angst. Alpträume. Aggression oder Resignation oder ein Schritt vorwärts in neue Verantwortung? Der Traum vom komfortablen Leben ... Und dann? Erstarrt vor Angst, Unruhe und Erschöpfung im permanenten Alarm- und Fragezustand – wohin?
So weit die Themen der Jetzt-Zeit, die für die Gruppe Klara das Bild der Gesellschaft ergeben, in der die Menschen zurechtkommen müssen in einem Alltag, der geprägt ist von der Gleichzeitigkeit andauernder Ausnahmezustände. Klara lädt das Publikum ein, an der grossen Krisenkonferenz teilzunehmen. Die Präsidentinnen und Minister aller Länder haben sich versammelt. Top 1: Die Zukunft. Top 2: Die Lösung. Auf der Bühne werden Verhaltensmuster untersucht, die durch die Ratlosigkeit oder die undefinierbare Angst ausgelöst werden – geballte Aggression gegen die Politik, gegen ‹Alles›, gegen die anderen oder gegen sich selbst, Resignation, Ablenkung und Rückzug, Durchdrehen oder doch zaghafte, aber entschlossene Ansätze zum Übernehmen von Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft?

 

Spartenübergreifende Bühnensprache. «Die Zeit, in der man wegschauen konnte», meint Regisseur Christoph Frick, «ist vorbei.» Mit hoher Emotionalität, explosiver Kraft und Menschlichkeit sucht die Gruppe Klara zusammen mit dem Tanztheater Pvc und dem Musiker Martin Schütz (bekannt auch durch das Trio Koch-Schütz-Studer) einen gemeinsamen Weg, diesen vielschichtigen gesellschaftlichen Zustand auf der Bühne erlebbar zu machen.
«Eine Sparte alleine könnte dieses Thema in seiner Komplexität gar nicht ausdrücken», so der Regisseur. Die Kombination von Sprechtheater, Tanz und Musik verstärkt die theatralischen Bilder; szenisch, tänzerisch und musikalisch wird der Versuch, in diesen zerfetzten Zeiten eine Persönlichkeit zu werden, durchgespielt. «Pvc setzt bei seinen Projekten vor allem auf die Konstellation von Kunstschaffenden», so die Dramaturgin Inga Schonlau. Der Choreograf Gavin Webber, der für eine kraftvolle Tanzsprache steht, bezieht alle Mitwirkenden in die tänzerische Arbeit mit ein, auch der Musiker Martin Schütz ist unmittelbar am künstlerischen Dialog beteiligt. «Alles, was wir machen, soll möglichst live sein», sagt Christoph Frick. Spürbar deutlich ist die Freude darauf, durch das Zusammenwirken der drei Sparten eine gemeinsame Bühnensprache mit starker Kraft und sinnlicher Wirkung zu entwickeln, die aufrüttelt und lebendig macht.

 

Kollektiv erarbeitetes Physical Theatre. Die Basler Theatergruppe Klara hat von Anfang an grossen Wert auf Körperlichkeit gelegt, die Zusammenarbeit mit Tanztheater wuchs aus der eigenen Entwicklung heraus und wird mit der Freiburger Truppe Pvc Tanz weiter erforscht. Christoph Frick, heute am Theater Freiburg tätig, war an allen Klara-Stücken konzeptionell und als Regisseur beteiligt, und ein wesentliches Klara-Merkmal, das Erarbeiten des Stücks im kollektiven Prozess, findet sich auch beim aktuellen ‹Letzte Welten›. Seit 1991 ist die Gruppe, die seinerzeit vom Regieduo Jordy Haderek und Christoph Frick mit dem Stück ‹Klara – ein Melodram› ins Leben gerufen wurde, aus der freien Theaterszene der Schweiz nicht mehr wegzudenken. Mit wachem, scharfem Blick wurden immer wieder Gesellschaftsbilder durchleuchtet.

 

Klara/Theater Freiburg/Pvc Tanz Freiburg mit ‹Letzte Welten›:  Fr 6.1. (Premiere) bis Di 10.1., 20 h (So 19 h), Kaserne Basel → S. 39 sowie Fr 13., So 15., Fr 20. und Fr 27.1., 20 h, Theater Freiburg,  www.theater.freiburg.de

 

(Heft Januar 2012, S. 13)