Sie kreiert Projekte an der Schnittstelle von Mode und Medien: Claudia Güdel, Mitbegründerin des Basler Labels Co-Lab.
Claudia Güdel gibt sich ungern mit Vorgefertigtem zufrieden. Vermeintliche Tatsachen hinterfragt sie jeweils, und ihre Interessen hat sie nie der Bequemlichkeit geopfert. So unkonventionell ihr Werdegang ist, so unpassend sind konventionelle Bezeichnungen für das, was sie tut. Ist sie Multimedia-Künstlerin, Kostümbildnerin, Managerin, Grafikerin, Web-Gestalterin, Mode-Designerin? Alles und keins davon.
Mit ihren 29 Jahren hat sie den Studiengang Modedesign K&K an der Hochschule für Gestaltung und Kunst HGK Basel absolviert, sich im HyperStudio zur Designerin interaktiver Medien weitergebildet, sie realisierte zahlreiche Kunstprojekte, arbeitete als Kostümbildnerin für Film und Theater, schuf Grafik und Webdesign, initiierte und managte die internationale Workshop-Reihe ‹Fred› und ist Mitbegründerin von Co-Lab, einem ‹Labor zur Förderung interdisziplinärer Teamarbeit an der Schnittstelle von Kunst, Körper und neuen Technologien›. Labor, weil man den experimentellen und kritischen Ansatz nicht dem Profit opfern will; interdisziplinär, weil der Dialog erst Grundlage zum Verständnis der Phänomene ist; Teamarbeit, weil komplexe Prozesse durch unterschiedliche Fähigkeiten verwirklicht werden, die gleichberechtigt sein sollen. «Co-Lab will Projekte an Schnittstellen lancieren, um immer mehr dazuzulernen. Was normalerweise Einzelnen zugeschrieben wird, seien es Künstler, Unternehmerinnen oder Manager, ist meistens Resultat von Teamarbeit. Diese möchten wir kultivieren», erklärt Claudia Güdel.
Mode und Multimedia
Vielseitige Talente sind schön, aber sie wollen gemanagt sein. Sie unter einem Label wie Co-Lab zu vernetzen, ist ein erster Schritt, doch auch ein Label muss betrieben werden. Zusammen mit Valentin Spiess und Claude Hidber hat sich Claudia Güdel dieser Aufgabe angenommen, vor kurzem sind sie umgezogen. Wir treffen uns in den neuen Räumlichkeiten, einem weitläufigen Loft im Rohzustand: ein paar halb eingerichtete Büroplätze, Schreibtische, Büchergestelle, vorne die langgezogene Fensterfront, die den Blick auf die Industriekulisse des Rheinhafens freigibt und hinten zum weiten, heute wolkenverhangenen Horizont führt.
Claudia Güdel sitzt am Schreibtisch, dunkles Haar, wache Augen, rote Lippen, hinter ihr die Schneiderpuppe im reflektierenden Brautkleid, vor ihr der Labtop. «Ich hab gerade die Abrechnungen vom letzten Jahr gemacht, und der Umzug ist nun auch endlich geschafft, das musste noch sein, bevor ich für zwei Wochen nach New York fliege.» Das Arbeitspensum entspricht dem unermüdlichen Engagement, weitere Projekte stehen in den Startlöchern: Als Nächstes wird sie Kostüme für eine Tanzperformance am Theater St. Gallen, eine Männerkollektion, entwerfen und eine internationale Workshop-Reihe unter dem Titel ‹Fab: redefining protective fashion› zum Thema Schutzbekleidung organisieren. Mode und Multimedia – die Kombination scheint gesucht, allerdings nur auf den ersten Blick, und auf den sollte man sich nicht immer verlassen. «Ich schaue meist nochmals und nochmals hin, dann erst reagiere ich – denn die Ironie einer Sache verrät sich oft erst auf den zweiten Blick.» So auch die Brisanz ihrer Tätigkeit.
Technik und Trend
Am Anfang standen nämlich Beobachtungen zur Entwicklung von Technik und Technologie, die Frage, wer sie braucht, wie und wozu. «Die Tendenz geht dahin, den Computer näher an den Körper zu bringen, über Sensoren, Verkabelungen, ‹intelligente› Materialien. Ob das einem Bedürfnis entspricht, weiss ich nicht, aber es wirft Fragen auf, denn hier werden ganz neue Möglichkeiten der Überwachung und Kontrolle eröffnet.» Nach möglichen Konsequenzen zu fragen, tut Not – gerade weil das Thema Kleider und neue Technologien trendy ist, und wo ein Hype ist, wird gerne vergessen, dass etwas auf dem Spiel stehen könnte. Interdisziplinärer Austausch, kritische Diskussion, ein aktives Netzwerk helfen, das Thema fundierter anzugehen. Denn bei dieser Auseinandersetzung gilt es, eine fragile Balance zu halten: «Es besteht immer die Gefahr, vereinnahmt zu werden. Wer sich zum Beispiel mit dem Computer auseinandersetzen will, muss erst die Technik beherrschen und viele, viele Stunden am Gerät verbringen. Deshalb ist der Austausch so wichtig, um eine kritische Distanz zu ermöglichen.» Wer sich nicht mit Vorgefertigtem abgeben will, muss am Draht bleiben. Da fühlt Claudia Güdel sich zu Hause. | Michèle Binswanger
Co-Lab, Uferstrasse 90, T 633 91 33, www.co-lab.ch