Mit Musik Musik erkunden | Kagels Instrumentarium

Drei Tage lang widmet sich das Festival ‹Der Schall› dem ‹Instrumentalen Theater› Mauricio Kagels mit Konzerten, einer Tagung und einer ungewöhnlichen Führung.
Trompeten und eine Plastik-Panflöte, Schläuche und Sitar, Maultrommel, Martinshorn, Muschelhorn und vieles andere mehr – es ist ein reiches, aussergewöhnliches Instrumentarium, das Mauricio Kagel in seinem Stück ‹Der Schall› für fünf Spielende einsetzt. Im Rahmen eines dreitägigen Festivals zu Ehren des 75-jährigen argentinisch-deutschen Komponisten wird es zu erleben sein – erst zum zweiten Mal nach der Uraufführung 1968 in Brüssel. Alle diese Instrumente werden im Lauf des Konzerts nur einmal gespielt und erst noch ‹falsch›; nur die Nasenflöte darf in voller Pracht erklingen. Schliesslich meldet sich per Telefon eine geheimnisvolle Stimme, um das Ganze zu kommentieren.
Ein Ulk? Natürlich nicht! Kagel erkundet und erweitert die Möglichkeiten der Klangerzeugung durch ungewohnte Klangquellen und neuartige Spieltechniken. Sein Stück ist vergnügliche Grundlagenforschung für die Musik, wie es gleichzeitig die Konkrete Poesie für die Literatur war. Hier richtet sich die Aufmerksamkeit nicht nur, wie im Konzert, auf das akustische Resultat, sondern mehr noch auf das Musizieren selber, das unvermittelt seine theatralische Dimension enthüllt. ‹Instrumentales Theater› hat man diese Form szenischer Konzerte genannt, die InterpretInnen und Publikum dazu zwingt, ihr Tun bewusst wahrzunehmen und zu reflektieren.
Das Festival ‹Der Schall. Mauricio Kagels Instrumentarium› geht der wesentlichen Stellung nach, die das ‹Instrumentale Theater› im Werk Kagels einnimmt – und das nicht zufällig in Basel: Der Komponist hat vor wenigen Jahren seine Sammlung von Musikinstrumenten aller Art der Paul Sacher Stiftung übereignet; sie wird als Depositum im Musikmuseum aufbewahrt. (In der Ausstellung ‹Kind und Kagel› wurde ein Teil davon im letzten Jahr gezeigt.) Die Kunst- und Musikwissenschaftlerin Martina Papiro, Initiantin des Festivals, hat die rund 600 Objekte, die dreissig Jahre in Theaterdepots untergebracht waren, inventarisiert und war so fasziniert, dass sie eine Möglichkeit suchte, sie wieder zum Leben zu erwecken. In der Hochschule für Musik, der Sacher Stiftung, dem Musikmuseum, dem Musikwissenschaftlichen Institut und dem Gare du Nord fand sie die geeigneten Partner.

 

Vielschichtiges Experimentieren
Das Programm beginnt mit einer Führung im Münchensteiner Depot, wo die sonst nicht öffentlich zugängliche Kagel-Sammlung gelagert wird. In drei Konzerten werden Werke des ‹Instrumentalen Theaters› aufgeführt. Am ersten Abend kommen zu Kompositionen Kagels auch Stücke von zweien seiner Schüler, Manos Tsangaris und dem Basler Daniel Weissberg. Im zweiten Konzert ist u.a. ‹Der Schall› zu erleben, einstudiert von zwei Interpreten der Uraufführung, dem Gitarristen Wilhelm Bruck und dem Trompeter Edward Tarr, der auch in das Stück einführen wird. Zwar lägen die Instrumente der Uraufführung alle in Münchenstein, erzählt Martina Papiro, doch sie könnten nicht mehr benützt werden; man habe alle neu auftreiben und anschaffen müssen – auch die Neue Musik hat ihre Probleme mit der Historischen Aufführungspraxis. Das dritte Konzert beleuchtet das Weiterwirken des ‹Instrumentalen Theaters› bei jüngeren Komponierenden, etwa beim Zürcher Mischa Käser. Einer allerdings fehlt bedauerlicherweise im Programm: der Basler Pionier Jürg Wyttenbach mit seinen ‹Exécutions ajournées›.
An einer öffentlichen Tagung in der Musik-Akademie wird Kagels ‹Theater der Instrumente› aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Unter den Referenten sind der Direktor des Musikmuseums, Martin Kirnbauer, welcher der Frage nachgeht, aus welchen Quellen Kagel sich zu seinen selbst gebauten Instrumenten inspirieren liess, sowie Daniel Weissberg und der Regisseur Matthias Rebstock, der das ‹Instrumentale Theater› von der Bühnenpraxis her diskutieren wird. Im Gare du Nord wird Sylwia Zytynska das Abschlusskonzert eines Kagel-Projekts mit Kindern und Studierenden der Musikhochschule präsentieren. Der Komponist selbst wird anwesend sein und in einem Podiumsgespräch die Fragen des Musikwissenschaftlers Matthias Kassel beantworten. | Alfred Ziltener


‹Der Schall›: Fr 9. bis So 11.2. ½S. 31/36, www.derschall.net
Für die Führung im Depot des Musikmuseums ist eine Anmeldung bis zum 2.2. erwünscht bei
derschall@gmx.ch

 

 

(Heft Februar 2007)