Die Oper entsteht am Bildschirm

ALFRED ZILTENER

 

In einer aufwändigen Koproduktion mit dem Theater Basel holt das Schweizer Fernsehen Verdis ‹Aida› an den Rhein. Wenn der Rhein zum Nil wird und das Hotel Drei Könige zum Pharaonen-Palast, wenn der ägyptische Feldherr Radames vom Kleinbasler Ufer zur Schifflände übersetzt – dann geht für Christian Eggenbergereine Zeit intensiver Arbeit zu Ende. Eggenberger ist Produzent von ‹Aida am Rhein›, dem dritten grossen Opernprojekt des Schweizer Fernsehens nach einer viel beachteten Aufführung von Giuseppe Verdis ‹La Traviata› im Zürcher Hauptbahnhof und einer Verpflanzung von Giacomo Puccinis‹La Bohème› in ein Hochhaus in einem Berner Aussenquartier.
Der Clou aller drei Projekte: Die künstlichste aller Theaterformen findet plötzlich im realen Leben statt. Verdis Violetta stirbt inmitten von Passantenströmen, Puccinis Bohémiens versammeln sich in der Waschküche, wo betagte Mieterinnen gerade die Waschmaschine füllen. Man wolle so die Oper zu den Leuten bringen und ein neues Publikum animieren, den Schritt ins Opernhaus zu wagen, erklärt Eggenberger. Doch natürlich habe diese Form der Vermittlung auch einen künstlerischen Eigenwert: Wenn die Oper auf den Alltag treffe, entstehe etwas Neues mit dem Potenzial für magische Momente.
Viel zu schauen. Für ‹Aida am Rhein› arbeitet das Fernsehen mit dem Theater Basel zusammen, das seine Saison im Grossen Haus mit Verdis Meisterwerk eröffnet. SängerInnen und Orchester sind dieselben; auch die Kostüme werden nach Möglichkeit übernommen. Gespielt wird u.a. im Lichthof und in der Bar des Nobelhotels, einzelne Szenen werden auf ein Floss auf dem Rhein verlegt, in einer Schlüsselszene kommt gar ein Frachtschiff zum Einsatz. Gesungen wird live, und live spielt – im Ballsaal des Hotels – auch das Sinfonieorchester Baselunter Gabriel Feltz. Ausgeklügelte Technik und der Einsatz von Subdirigenten auf dem Set ersetzen den Sichtkontakt zwischen Feltz und den SolistInnen und ermöglichen die nötige Koordination.
Für die Schaulustigen ist u.a. auf der Mittleren Brücke Platz. Doch Eggenberger warnt vor einem Missverständnis: Verdis Oper wird nicht erleben, wer hier steht. Er wird noch nicht einmal das Orchester hören. Erst am Fernseher setzen sich die einzelnen Komponenten zur vollständigen Aufführung zusammen – die Oper existiert nur auf dem Bildschirm. Möglicherweise wird man sie an kleinen Monitoren auf der Brücke sehen können, ein grosses Public Viewing ist aber nicht geplant. Doch es gebe, tröstet Eggenberger, immer noch viel zu schauen; die Produktionsarbeiten seien spektakulär genug, etwa die Fahrten einer Spidercam hoch über dem Fluss. Als Bühnenversion ist ‹Aida› bis Ende Jahr im Theater Basel zu geniessen.

 

Verdis ‹Aida› im Theater Basel: ab Di 14.9., 20.00 (Premiere) → S. 29

 

TV-‹Aida am Rhein›: Fr 1.10., 20.05 auf SF 1, HD suisse, TSR 2, RSI LA DUE und 3sat

 

(Heft September 2010, S. 12)