Eine Reihe von Veranstaltungen befasst sich praktisch und theoretisch mit Improvisation in Musik und anderen Bereichen.
Die improvisierte Musik führt eine Randexistenz im Musikleben, sagt der Musikwissenschaftler Michael Kunkel, Initiant der Veranstaltungsreihe ‹Little Bangs›: In der Schweiz gibt es zwar im Bereich der Improvisation viele Einzelinitiativen, doch sie sind untereinander zu wenig vernetzt. Für die Konzertveranstalter ist die Improvisation mässig attraktiv, weil sie nur ein sehr kleines Publikum anzieht. Und an den Universitäten ist sie kaum ein Thema, denn die Musikologie ist vor allem eine philologische Wissenschaft, die sich mit (Noten-)Texten beschäftigt und daher für die Improvisation nicht das nötige begriffliche Rüstzeug hat.
Kunkel ist Leiter der 2007 ins Leben gerufenen Forschungsabteilung der Musikhochschule Basel, die mit ‹Little Bangs› erstmals an die Öffentlichkeit tritt. Der Zyklus ist eine Koproduktion mit dem Gare du Nord. In Konzerten, Referaten und einer Tagung wird Musik improvisiert und über musikalische Improvisation nachgedacht. Der Titel geht zurück auf Frederic Rzewski, der das Genre beschrieb als «eine endlose Folge kleiner Explosionen, kleiner Urknalle, die fortwährend neue Welten schaffen». Der Amerikaner wird in Basel bei einem Gesprächskonzert und mit einem Vortrag als Musiker und als Theoretiker zu erleben sein.
Interdisziplinäres Symposion
‹Little Bangs› beginnt quasi mit einem ‹Big Bang›, einem Konzert des Kölner Ensemble X. Das vom Tubisten und Komponisten Carl Ludwig Hübsch gegründete Improvisationskollektiv umfasst 16 Individuen, deren unterschiedliche Formen des Musizierens für Vielfalt und fruchtbare Reibung sorgen. Hübsch wird auch einen Vortrag über ‹Floating Fragments. Vom Aufheben vorgefasster Pläne› halten.
Schwerpunkt von ‹Little Bangs› ist ein dreitägiges internationales Symposion, das sich mit improvisatorischem Handeln inner- und ausserhalb der Musik befasst. Zu den ReferentInnen gehören der Improvisationskünstler Fred Frith, Walter Fähndrich,
Leiter der Improvisationsklasse der Hochschule, der dem Verhältnis von Freiheit und Regeln in der improvisierten Musik nachgeht, und die Wiener Musikwissenschaftlerin Nina Polaschegg, die nach Kriterien zur Analyse improvisierter Musik fragt. Fluxus und musikalische Konzeptkunst sind weitere Themen. Der Psychologe Toni Wäfler vom Institut ‹Mensch in komplexen Systemen› der FHNW beschäftigt sich mit improvisiertem Handeln in unvorhergesehenen Risiko-Situationen, etwa in der Fliegerei und der Kerntechnik. Die Musiker und Autoren Anton Bruhin, Bodo Hell, Michel Mettler und Peter Weber gestalten zwei sprach-improvisatorische Performances. Im Bird’s eye wird ein Jazz-Workshop angeboten. Dazu kommen Konzerte mit den experimentierenden Jazzern des Trio Toot und mit dem Ensemble Phoenix. | Alfred Ziltener
‹Little Bangs›, Konzerte, Performances, Workshops, Vorträge: Fr 12.12.08 bis Fr 15.5.09, Gare du Nord, Musik-Akademie
Symposium: Do 29. bis Sa 31.1.09, weitere Infos: www.musikforschungbasel.ch
(Heft Dezember 2008)