Verbarium| Ausgehen

Natürlich gibt es phlegmatische Naturen, die sich in den eigenen vier Wänden einigeln. Aber im Grossen und Ganzen geht unsereins doch gerne gelegentlich mal aus, amüsiert sich, bildet sich vielleicht sogar ein wenig, trifft Leute oder führt die Garderobe aus. Allerdings geht dabei noch ganz anderes aus: Manchen gehen die Ideen aus, bevor es richtig losgeht: Was sollen wir bloss unternehmen heute? Anderen geht beim Tête-à-Tête der Gesprächsstoff aus. Beim Warten an der Kinokasse kann dieser oder jenem schon mal die Geduld ausgehen. Und wer auf all zu grossem Fuss ausgeht, wird bei der Heimkehr feststellen, dass die Geldmittel ausgegangen sind.
Weitaus kostengünstiger ist da eine andere Form des Ausgangs: Der ‹Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit› nämlich, als den Immanuel Kant bekanntlich die Aufklärung definiert hat. Zugegeben, dieses Unterfangen dürfte deutlich anspruchsvoller sein als der landesübliche Ausgang. Dieses Selberdenken ist aber unerlässlich, wenn alle Macht tatsächlich vom Volk ausgehen soll. Und dass sie das tun soll, davon wollen wir als gute DemokratInnen schon mal ausgehen.
Ich weiss, das klingt etwas gar anstrengend: Immer nur denken, nichts als das harte Brot der Begriffe. Deshalb empfiehlt sich für zwischendurch ein Gedicht des Barockpoeten Paul Gerhardt: Geh aus, mein Herz, und suche Freud / In dieser schönen Sommerzeit / An deines Gottes Gaben; / Schau an der schönen Gärten Zier / Und siehe, wie sie mir und dir / Sich ausgeschmücket haben.
Dass mein Herz ausgehen, dass ich es sozusagen als Organ der Freude auf Erkundungsreise schicken kann, das gefällt mir schon ganz gut. Derart erfreut kann ich dann auch leichter mit der Aussicht leben, dass mir irgendwann die Haare und dass ganz zuletzt die Lichter ausgehen werden. Zwar weiss ich nicht, ob dabei alles gut ausgehen wird, aber immerhin habe ich mich bis dahin schon tüchtig an Gottes Gaben erfreut. Und auch, mit einer etwas diebischen Freude, an der fast schon berüchtigten fünften Strophe von Gerhardts Gedicht mit seinen heute doch eher komisch wirkenden Zeilen (die hier, weil der Dichterpfarrer vor just 400 Jahren geboren wurde, ausführlich zitiert sein sollen): Die Bächlein rauschen in dem Sand / Und malen sich und ihren Rand / Mit schattenreichen Myrten; / Die Wiesen liegen hart dabei / Und klingen ganz vom Lustgeschrei / Der Schaf und ihrer Hirten.
| Adrian Portmann

 

 

(Heft April 2007)