DAGMAR BRUNNER
Ausgewählte Lektüre zum Selberlesen und Verschenken.
Favoriten. Meine drei liebsten literarischen Bücher 2011 berichten alle herzergreifend, mit beeindruckender Genauigkeit und Poesie von belasteten Kindheiten. Die Lyrikerin Maja Haderlap schildert in ihrem Romandebüt ‹Engel des Vergessens› ihre Familiengeschichte, die auch die traumatische Geschichte ihres Volkes ist, der slowenischen Minderheit in Kärnten (A). Die Geschehnisse in dieser ländlichen Region während des Zweiten Weltkriegs und ihre Folgen sind immer noch wenig bekannt, und Haderlap findet dafür betörende, verstörende Bilder.
Zsuzsa Banks Roman ‹Die hellen Tage› erzählt von drei Kindern, die früh mit Verlusten konfrontiert sind, und von ihrer dauerhaften Freundschaft, die allerdings auch hart auf die Probe gestellt wird.
Paolo Giordano schliesslich folgt in ‹Die Einsamkeit der Primzahlen› den Lebenswegen von zwei verlorenen Seelen, die zusammen gehören und doch nie ganz zusammenfinden – eine himmeltraurige, bittersüsse Liebesgeschichte.
Maja Haderlap, ‹Engel des Vergessens›, Wallstein Verlag. 288 S., gb., CHF 27.50
Zsuzsa Bank, ‹Die hellen Tage›, S. Fischer Verlag, 542 S., gb., CHF 31.50
Paolo Giordano, ‹Die Einsamkeit der Primzahlen›, Heyne TB. 364 S., CHF 13.50
Verwandlung. Mäusewicht Oskar sehnt sich nach Sonne und frischen Rüben. Aber kaum wagt er sich aus seinem Loch, ist er Gefahren ausgesetzt: dem Mäusebussard, dem Fuchs, der Katze und der Eule. Auf der Flucht rettet ihn der Igel mit seinem Stachelkleid und bringt Oskar zu einem Wurzelmann, der ihm eine neue, sichere Identität verpasst. In einen Tiger verwandelt, erfährt er aber, dass er kein Tigerwesen ist und deshalb auch kein besseres Leben hat. Wie der Wurzelmann Oskar ein zweites Mal hilft und er sich endlich Respekt verschaffen kann, das wird hier nicht verraten. Aber verraten sei, dass dies ein zauberhaftes, liebevoll gemachtes Bilderbuch ist, mit gereimtem Text von Dieter Meier (Yello) und wunderschönen Bildern von Franziska Burkhardt. Die Geschichte gibt es auch auf einer CD, erzählt vom Autor, einmal mit und einmal ohne groovig-jazzige Begleitung.
Dieter Meier, Franziska Burkhardt, ‹Oskar Tiger›, Verlag Kein & Aber. 48 S. mit farb. Ill., gb., CHF 24.90
CD Dieter Meier (Sänger und Vorleser) und Tobias Preisig (Geige), Nicolas Rüttimann (Gitarre), Reto Suhner (Klarinette), Claude Meier (Bass), Andreas Wettstein (Schlagzeug), Kein & Aber Records, CHF 28.90
Frauenleben. Im Jubiläumsjahr der Frauenrechte ist es nicht verkehrt, ein Buch über (verstorbene) starke Schweizer Frauen zu publizieren. So viele sind es ja nicht und auch kaum berühmt. Im Internet findet man unter dem Stichwort ‹Bekannte Schweizerinnen› nur gerade Ursula Andress, schreibt Margrit Sprecher im Vorwort. Die langjährige NZZ-Redaktorin Daniele Muscionico hat akribisch recherchiert für die 24 kurzen Porträts, die sie ursprünglich für die ‹Weltwoche› verfasste, und korrigiert so manches (Männer-)Urteil, ohne ihren Protagonistinnen die Ecken und Kanten zu nehmen. Wir begegnen u.a. der Einsiedlerin Wiboroda, der Spionin Catherine von Wattenwyl, der Malerin Anna Waser, der Schifferin Elisabetha Grossmann, der Biochemikerin Gertrud Woker und der Journalistin Mabel Zuppinger-Westermann, die die ‹Annabelle› erfand. Es sind Frauen, deren Selbstzweifel oft grösser waren als ihre Lebensfreude. Eine Fortsetzung mit mehr Zeitgenossinnen wäre willkommen!
Daniele Muscionico, ‹Starke Schweizer Frauen›, 24 Porträts, Vorwort Margrit Sprecher, Limmat Verlag, Zürich, 2011. 170 S., 24 Fotos, Pb., CHF 34
Anteilnahme. Wenn Eltern mit ihrem Nachwuchs über Werte diskutieren wollen, geht das nicht immer gut. Eine wertvolle Alternative bieten die beiden Bändchen von Stéphane Hessel mit den herausfordernden Titeln ‹Empört Euch!› und ‹Engagiert Euch!›. Der Autor wurde 1917 als Sohn künstlerisch tätiger Eltern in Berlin geboren, kam 1924 nach Paris, schloss sich später dem französischen Widerstand an, wurde verraten und überlebte das KZ Buchenwald. Nach dem Krieg war er Mitautor der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen und wirkte als Diplomat in den ehemaligen Kolonien. Der 93-Jährige komprimiert auf minimalem Raum ein Maximum an Lebenserfahrung und -weisheit, mit Appellen, die nicht nur den Verstand, sondern auch das Herz erreichen. Die Lage der Menschenrechte, die Umweltzerstörung, die Diktatur des Finanzkapitalismus – es gibt viele Gründe, sich zu empören. Und sich tatkräftig zu engagieren für eine gerechtere Welt. Stéphane Hessels Aufrufe blieben nicht ungehört, haben sich zu wahren Bestsellern entwickelt. Gut so!
Stéphane Hessel, ‹Empört Euch!›, 32 S., CHF 6.50, ‹Engagiert Euch!›, 60 S., CHF 6.50, beide Ullstein TB
Glücksbegegnungen. Ein Buch, das den Titel ‹Ein gutes Leben› trägt, lädt zumindest zum Blättern ein. Und an diesen Porträts von mehr oder weniger bekannten Menschen bleibt man gerne hängen. Mit 20 Persönlichkeiten hat die Autorin über Glück und Unglück gesprochen, sie beginnt mit dem Alter (93) und endet mit der Jugend (15). Es sind Leute aus verschiedenen Lebensbereichen, darunter der Politiker Daniel Cohn-Bendit, der Zeichner Tomi Ungerer (wunderbar radikal!), die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich, der Performer Blixa Bargeld, die Künstlerin Annelies Strba, der Benediktinerpater Anselm Grün, die Geigerin Julia Fischer vom Kammerorchester Basel und der Reporter Günter Wallraff. Auch die Mutter der Autorin kommt vor, der das Buch gewidmet ist. Ein Nachtrag über Begriffliches, Zahlen und Literatur zum Glück beschliesst den Band. Den Impuls dazu erhielt die Autorin, als sie selbst arbeitslos und unglücklich wurde. Durch die Gespräche erkannte sie, dass ein gutes Leben nichts für Feiglinge ist.
Ursula von Arx, ‹Ein gutes Leben. 20 Begegnungen mit dem Glück›. Verlag Kein & Aber, Zürich, 2011. 224 S., gb., CHF 24.90
Weltgeheimnisse. Sie ist ein weites Feld und vermint dazu: die Mystik. Das hat die KuratorInnen des Museum Rietberg in Zürich nicht davon abgehalten, die weltweit erste kulturvergleichende Ausstellung zu dem Thema einzurichten. Unterstützt wurde das Projekt von mehreren Stiftungen, und erstmals stammt die Mehrzahl der Leihgaben aus der Schweiz. Die Schau gibt mit über 150 kostbaren und sorgfältig präsentierten Exponaten (Objekten, Bildern und Texten) sowie 30 Multimedia-Installationen Einblicke in die Spiritualität der grossen Weltreligionen – Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, Daoismus – und in Leben, Werk und Wirkung von 40 MystikerInnen. Sie zeigt die unterschiedlichen Wege der Gottessuche und die gemeinsame ‹Sehnsucht nach dem Absoluten› auf. Wer die Ausstellung nicht sehen kann, ist auch mit dem Katalog bestens bedient, er bietet zusätzlich reichhaltige Kost.
‹Mystik. Die Sehnsucht nach dem Absoluten›, Hg. Albert Lutz, Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich, 2011. 328 S., 141 Farbabb., gb., 19 x 26 cm, CH 49. Ausstellung: bis So 15.1., Museum Rietberg, Zürich, www.rietberg.ch
Essenzen. ‹Dir gehört nur, was du geben kannst› und ‹Heute wird nie gewesen sein› sind Buchtitel und zugleich kleine Denkanstösse des Philosophen Beat Brotbeck, der in diesem Sommer mit seinem Team das Philosophicum in Basel in Betrieb genommen hat und im In- und Ausland als freier Forscher, Schriftsteller und Künstler wirkt. Die aphoristische Arbeit begleitet ihn seit langem, er pflegt sie, weil er das Prägnante schätzt, die Verdichtung sucht, die freilich oft lange Umwege erfordert. Mal ist es nur ein Wort, mal ein Satz, die verblüffen und erheitern, weil sie Denkgewohnheiten aufbrechen und neue Sichtweisen anbieten: «Scheintracht», «Berühren können uns Dinge nur, wenn wir ihnen nicht zu nahe treten», «Was ich nur in Kauf nehme, macht mich ärmer», «Egoismus ist überdurchschnittlich durchschnittlich», «Wenn die Werte schwinden, nehmen die Auswertungen zu», «Halb richtig ist doppelt falsch» usw. Eine Philosophie mit Schalk und Poesie.
Stefan Brotbeck, ‹Heute wird nie gewesen sein›, Aphorismen. Futurum Verlag, Basel, 2011. 161 S., br., CHF 16.80
(Heft Dezember 2011, S. 20)