Teuflischer Theatertrieb

CHRISTOPHER ZIMMER

Im Theater im Teufelhof endet die Ära Thommy.
Bald ist es soweit: Zum letzten Mal werden die Gäste des Kleintheaters vom vertrauten Gastgeber empfangen werden. Zum letzten Mal werden sie sein Gesicht über dem schwachen Licht des Mischpults sehen. Und damit noch einmal erleben, worauf Dominique Thommy besonderen Wert legt als Leiter einer Bühne, die sich dem Kabarett und der Satire verschrieben hat: stets für die Sache einzustehen und immer persönlich anwesend zu sein.
Da zu sein für das Publikum und insbesondere für die Auftretenden, ist sein Credo. Sie in Empfang nehmen, begleiten, betreuen, Plakate eigenhändig aufhängen und an jedem Abend mitfiebern, zu ihnen stehen, auch wenn ein Programm mal nicht so gelungen ist, Erfolg und Misserfolg mit ihnen teilen, eine Plattform bieten für Neues, für Experimente und erste Bühnenversuche. Dafür reiste Thommy nicht nur an Künstlerbörsen mit Kurzauftritten, sondern sah sich stets die ganzen Programme an. Und für all das sind ihm etliche KünstlerInnen treu geblieben, selbst wenn sie reüssiert hatten.
Die Nachfolge ist geregelt, Roland Suter von ‹touche ma bouche› und seine Lebensgefährtin Katharina Martens werden die nächste Saison gestalten. Eine glückliche Nachfolge nennt es Thommy, seriös, aber trotzdem künstlerisch lebendig. Leicht werden sie es nicht haben, die Comedy verdrängt das Kabarett, und das Publikum des Theaters im Teufelhof ist mit seinem Leiter ergraut. Junge Menschen für das Genre zu gewinnen, ist die Aufgabe der neuen Leitung. Doch Thommy ist zuversichtlich und wird Ende Mai das Haus mit einem guten Gefühl verlassen. Vorhang!

Szenen einer Ehe. Vorhang? Nein, nicht ganz. Zu dieser 37-jährigen Theatergeschichte gehören nämlich zwei Hauptfiguren. Denn ohne seine Frau Monica Kneschaurek hätte es für Dominique Thommy diese Art von Vorhang wohl kaum gegeben. Kennengelernt hatten sie sich nach seinen Lehr- und Wanderjahren – u.a. in Paris als Assistent von Dimitri und in der Truppe von Jean-Louis Barrault –, als er mit Albert le Vice zusammen ‹Das schiefe Theater›, eine ausklappbare, beheizte und schallisolierte 12-Tonnen-Bühne auf Rädern, ersonnen und erbaut hatte. Da liess die Tochter einer seit fünf Generationen tätigen Hoteliers-Familie alle Sicherheiten sausen und schloss sich den verrückten Fahrenden an, als Managerin, Technikerin, Köchin. Bis daraus eine Ehe wurde, dauerte es noch seine Zeit, doch von da an gingen sie gemeinsame Wege. Durch alle Höhen und Tiefen – und von beidem gab es reichlich.
Vor allem die 2361-tägige Bewilligungsschlacht um den Teufelhof, deren Akten die Wände des Theaters tapezieren. Dabei hatten sie doch die besten Absichten: Das ‹Kultur- und Gasthaus Der Teufelhof› sollte das weiterentwickeln, was im ‹Theater-Café zum Teufel› erprobt worden war – das Selbstsubventionierungsmodell, in dem die Kultur von der Gastronomie querfinanziert wurde. Aber selbsternannte Sittenwächter und Konkurrenten stemmten sich dagegen. Nun, auch das ist Geschichte. 1989 konnte das Haus eröffnet werden, mit Fredy Heller war bereits zu Beginn der Schlacht ein Theaterleiter gefunden, und der Kulturhotel-Alltag begann.

Nach 9/11. Doch auch der hatte seine Tücken. Besonders für Dominique Thommy, den gelernten Dekorateur und ehemaligen Ballett- und Schauspielschüler. Unbeirrt engagierte er sich kultur- und sozialpolitisch, betrieb eine Texterei, zog sich für drei Monate in den Jura zurück, um einen Roman zu schreiben, gestaltete dreimal selber die Kunstzimmer des Hotels und übernahm schliesslich die Theaterleitung, als Fredy Heller nach dem Finanzknick nach 9/11 aufhörte. Da ging es dann auch für Monica Kneschaurek, die bisher alles mitgetragen hatte, nicht mehr. Und nur ein Verein und die Subvention beider Basel konnten das Theater noch retten. Der Traum war zwar nicht ausgeträumt, aber seine Machart hatte sich verändert.
Mit «permanent» beantwortet Thommy zu Beginn unseres Gespräches die Frage nach den Höhepunkten. Später besinnt er sich und windet seiner Frau ein Kränzlein: Dass sie all die Jahre durchgehalten hat, sei der eigentliche Höhepunkt. Und er erzählt mit Freude, dass sie seit der Weitergabe des Hotels an ein jüngeres Gastgeberpaar endlich das tun kann, wofür ihr Herz schlägt: Singen und Sprachen lernen. Auch er selber hat schon neue Pläne geschmiedet: circensische! Doch mehr soll noch nicht verraten werden. Denn das ist eine andere Geschichte.

Saison-Abschluss mit ‹Perlen und Säue›, einem Musik-Kabarett von Nessi Tausendschön und William Mackenzie: Do 17. bis Sa 26.5., Theater im Teufelhof → S. 43

Ausserdem: 25. Oltner Kabarett Tage: Mi 2. bis Sa 13.5., div. Orte, Olten, www.kabarett.ch (grösstes Satire-Festival der Schweiz)

(Heft Mai 2012, S. 16)