Gastro.sophie | Rösti fürs Kind

Unglaublich, was man sich alles merken kann und zeitlebens mit sich rumschleppt. Zum Beispiel, dass Hummeln zu schwer sind zum Fliegen, eigentlich gar nicht fliegen können dürften, dass Tomaten zu den Nachtschattengewächsen gehören, und dass es im Restaurant Erasmus die beste Basler Mehlsuppe gibt. Letztere Merkwürdigkeit geht auf meinen Vater zurück, der, wann immer wir in die Nähe des Erasmusplatzes kamen, nie versäumte, diesen Mehlsuppenmerksatz auszusprechen.
Jetzt muss man aber wissen, dass meines Vaters diesbezügliche Erfahrungen und Erkenntnisse aus den Sechzigerjahren herrührten, mein Wissen also nicht mehr ganz heutig ist. Man mag das bedauern oder nicht, ich persönlich finde es schade, dass mein Vater mir keine brauchbareren Merksätze hinterlassen hat. Beispielsweise, wo in Basel und Umgebung die beste Rösti zu haben ist. Denn genau danach stand mir jüngst der Sinn. Und wo ein Sinn ist, ist auch ein Appetit, ist eine Lust und ein Drängen auf rasche Erfüllung. Man scannt die Lokale, die in der Stadt für Rösti in Frage kommen und landet irgendwann bei der Hasenburg, die einem schon wegen ihrer zweisprachigen Benennung stets sympathisch war.
Um es kurz zu machen, die Rösti war wunderbar, aussen hellbraun knusprig und innen kartoffelblond. Und die ‹suuri Läberli› dazu – seit Jahrzehnten nicht mehr gekostet! – waren extrazart, in einer Sauce, wie meine Oma sie anrührte. Man versinkt unweigerlich in Kindheitserinnerungen, in noch mehr, die man nie vergessen wird – dass Kuchen frisch aus dem Backofen fürchterliches Bauchweh macht, dito Mineralwasser nach Kirschen, und dass man nie, nie, nie Bonbons von fremden Onkeln annehmen soll.
Zwischendurch starrt man auf den Wildsaukopf an der Wand in der schönen alten Gaststube des Chateau Lapin, der einen seinerseits anstarrt und über den Stadtplan unter sich zu wachen scheint, damit niemand Basel am Rheinknie rumfummelt. Man zählt zum x-ten Mal durch, wie viele Arten von Rösti es hier gibt, das heisst, in welchen Kombinationen. Tut all das, was man halt so tut, wenn man allein an einem Tisch sitzt und isst und die Zeitung schon durch hat. Denkt, dass die Hasenburg vielleicht kein Restaurant ist, wo man alleine hingehen sollte. Auch von Seiten der Kellner ist keine besondere Zuwendung zu gewärtigen. Man wartet vergeblich auf dies und das und zum Schluss auf die Rechnung. In Ordnung, sie haben viel zu tun. Also schmeckt man der Rösti nach und bewundert die Hummel, die nach allen Regeln der Physik nicht fliegen kann, von Physik aber nichts versteht und deshalb trotzdem fliegt. Das ist ihr Glück.


| Oliver Lüdi
Restaurant Hasenburg, Schneidergasse 20, T 061 261 32 58, Mo bis Sa 10.00—24.00.

 

 

(Heft Oktober 2006)