Beatrize Ferreyra 1967, Foto: Bernard Perrine

ProgrammZeitung 11/2018, S. 20

Ganz Ohr

Christian Fluri

Radiokunst und -geschichte(n) im Museum Tinguely.
Orson Welles erzählt im Hörspiel ‹The War of the Worlds› 1938 dramatisierend und realistisch zugleich vom Angriff Ausserirdischer auf die USA und soll eine Massenpanik ausgelöst haben. Letzteres gehört zwar ins Reich der Legendenbildung, sagt aber doch viel über die enorme Wirkung aus, die das Radio damals hatte. So wurde das noch junge Medium zur Verbreitung totalitärer Ideologien missbraucht und von Widerstandskräften ebenso zu deren Entlarvung genutzt. Kulturschaffende entdeckten vor allem das künstlerische Potenzial des Hörfunks. Bertolt Brecht, Samuel Beckett, Günter Eich produzierten avancierte Hörstücke. Die Neue Musik nutzte gerade in elektronischen Komposi-tionen die Radio-Geräusche. Karlheinz Stockhausen etwa integrierte in sein Werk ‹Hymnen› (1966/67/69) das Kurzwellenrauschen.
 

Aufregendes Medium.
Gerade auch heute – im Zeitalter der frei verfügbaren Bilder – ist das ganz auf Ton und Klang bauende Radio eines der aufregendsten Medien. Seiner mehr als hundertjährigen Geschichte widmet nun das Museum Tinguely eine Ausstellung und eine Reihe von Veranstaltungen. Im Zentrum steht der Umgang der Kunst mit dem Hörfunk.

Wer die Ausstellung besucht, werde gleichsam zur menschlichen Suchnadel, die sich von Radiostation zu Radiostation bewege. So erklärt Andres Pardey, Vizedirektor des Museums Tinguely, das Konzept von ‹Radiophonic Spaces›. Das Zufallsprinzip regiert. Wer sich auf den Hör-Parcours begibt, erhält ein Smartphone plus Kopfhörer. Damit ausgerüstet, spaziert man durch den Saal im Erdgeschoss, wandelt zwischen den von der Decke hängenden Sendern. Und zappt so auf seinem Spaziergang von Sender zu Sender, dabei nur Sprach-, Geräusch- oder Musikfragmente hörend. Der gewählte Weg wird auf dem Smartphone aufgezeichnet. Man kann sich nun eine oder mehrere der zufällig aufgeschnappten Sendungen ganz anhören. 

13 Narrative.
Die Idee und das Konzept für die Ausstellung geht auf ein vom Nationalfonds unterstütztes Forschungsprogramm zurück, in dem das Seminar für Medienwissenschaft der Universität Basel die Federführung hat. Den ‹Hör-Raum der Radiokunst› im Museum gestalteten Fachleute aus Kunst und Wissenschaft unter der Leitung Nathalie Singers von der am Projekt mitwirkenden Bauhaus-Universität Weimar. Aus den Archiven – vor allem deutscher Rundfunkstationen – wurden mehr als 200 Beiträge zusammengetragen. Sie werden in 13 Narrative eingeteilt. Dabei ist auch die heute verlorene Funkstille zu erfahren, wie Pardey anmerkt. Ferner thematisieren die Narrative u. a. die usikwiedergabe, die Erforschung und Anwendung der Elektronik in der Neuen Musik sowie die unterschiedlichen künstlerischen Formen von Hörstücken von Antonin Artaud bis Milo Rau. 

In der Schau, die auch ein Radiostudio enthält, wird auf sinnliche Weise über das Radio, seine technische Entwicklung hin zur Digitalisierung und seine formale wie inhaltliche Entwicklung nachgedacht – u. a. in 14 Themenwochen. Deren Spektrum reicht vom Radio im Film über Amateurfunk, den ‹HörPunkt› des Kultursenders SRF2, experimentellen Hörreisen bis zum Radiobau.

♦  ‹Radiophonic Spaces›: bis So 27.1., Museum Tinguely

♦  Ausserdem: Ausstellung ‹Unterwegs im Ohr›, ein Erlebnisrundgang
    durchs Ohr: So 18.11., 11 h (Vernissage), bis So 5.5.19,
    Naturhistorisches Museum Basel