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Die Regisseurin Arami Ullón, Foto: Patrick Oser

ProgrammZeitung aus dem Novemberheft 2021, S. 8

«Kolonialisierung ist kein Event, sondern eine andauernde Entwicklung»

Sabine Knosala

In ihrem Dokumentarfilm «Apenas el sol» greift die Basler Regisseurin Arami Ullón(43) die heikle Beziehung zwischen den indigenen Ayoreo und den weissen Siedlern in Paraguay auf.

 

Missionare vertreiben Indigene aus einem Wald, der dann unter den Weissen aufgeteilt wird. Die Ausgangslage Ihres Dokumentarfilms klingt, als wäre sie einige Jahrhunderte her...
Arami Ullón: Kolonialisierung ist kein Event, sondern eine andauernde Entwicklung, die oft sehr versteckt vonstattengeht. Sie passiert auch heute noch und oft im Namen Gottes.

Wie stiessen Sie auf das Thema für Ihren Film? 
Ich bin zwar in Paraguay aufgewachsen, erfuhr aber erst durch einen Artikel in einer Schweizer Pendlerzeitung, dass es noch Ayoreo-Indigene gibt, die isoliert von der Aussenwelt im Trockenwald leben. Ich konnte es kaum glauben und fühlte mich beschämt. Die meisten Leute in Paraguay wissen nichts davon.

Wie erklären Sie sich das?
Das ist sicher kein Zufall, sondern eher gezielte Desinformation: Der Wald wird in Paraguay als produktives Land angesehen. Leider ist die Landverteilung bei uns seit Langem ein Problem, und es wurde unter Diktator Stroessner noch grösser: Für einen Gefallen revanchierte er sich gerne mit einem Stück Land. Es gibt fast kein indigenes Land, das nicht jemandem gegeben wurde. 

Woher kannten Sie Mateo Sobode Chiqueño?
Wieder war es ein Schweizer, der mich auf ihn brachte: Der Indigenen-Aktivist Benno Glauser stellte mich Mateo Sobode Chiqueño vor. Ich hatte zuerst drei Jahre mit Mateo Kontakt, bevor wir 2016 mit den eigentlichen Dreharbeiten anfingen. Es war wichtig, zuerst das Vertrauen der Indigenen zu gewinnen. Es kommen so viele Leute aus dem Westen, oft werden die Indigenen ausgenutzt. Es half, dass Glauser dabei war und auch, dass Mateo uns vertraute, denn er ist ein respektiertes Mitglied der Ayoreo-Gemeinschaft.

Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie beim Dreh zu kämpfen?
Die Gegend wird auch «Land of no Man» genannt: Man muss alles Lebensnotwendige mitbringen. Die Strassen sind bei Regen oft tagelang unpassierbar. Zudem sollte man wegen der wilden Tiere nur bei Tageslicht drehen.

An Ihrem Film dürften insbesondere religiöse Kreise in Paraguay keine Freude haben ...
Tatsächlich befinden sich überall um die Ayoreo-Dörfer herum Mennoniten-Siedlungen. Das sind die Orte, wo man einkaufen, übernachten et cetera kann. Daher haben wir uns sehr genau überlegt, was unser Film für einen Einfluss auf die Indigenen hat, denn wir reisen später ja wieder ab. Die Missionare haben den Indigenen einerseits alles weggenommen, andererseits sind sie es, die ihnen Jobs geben. Die Indigenen sind sich ihrer Situation und ihrer Rechte mehr bewusst als früher und wollten das Risiko eingehen, bei einem Dokumentarfilm mitzumachen. Mateo sagte, er müsse seine Geschichte jetzt erzählen, denn er sei sonst zu alt dafür. Das Gleiche gilt für viele der Zeitzeugen.

Wurden Sie auch bedroht?
Wir sagten, wir würden einen Fauna-und-Flora-Film drehen (schmunzelt). Glauser, der nach Beginn der Dreharbeiten wieder nach Europa abreiste und sich dort für weniger Fleischproduktion starkmachte, um die Abholzung zu stoppen, wurde allerdings mehrfach mit dem Tod bedroht. Die Mennoniten industrialisierten Paraguay und sind daher sehr angesehen.

Was ist das Ziel Ihres Films?
Wir wollten Mateo dokumentieren, der selbst dokumentiert – also sozusagen Bilder zu seinen Tonaufnahmen hinzufügen. Die Paraguayer, aber auch der Rest der Welt sollen erfahren, was dort passiert: Jeden Tag werden 400 Hektar Wald abgebrannt. Je länger wir nichts tun, umso weniger Wald wird es.

Haben Sie heute noch Kontakt zu Mateo? Umweltaktivist Bruno Manser ist ja seinerzeit im Urwald verschwunden ...
Mateo geht es gut. Er wird uns auf unserer Tour begleiten. Wir haben in Paraguay vier Kinos gefunden, die bereit sind, den Film in ihr Programm aufzunehmen und werden ihn auch in den Ayoreo-Gemeinschaften zeigen.

 

www.apenaselsol.com


 

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